I, q. 108 a. 4
Ob die Unterscheidung der Hierarchien und Chöre aus der engelhaften Natur stammt?
Quaestio 108 · Von den Rangstufen der Engel in Hierarchien und Ordnungen.
Einwand 1: Es scheint, dass die Unterscheidung der Hierarchien und Chöre nicht aus der Natur der Engel stammt. Denn Hierarchie ist „eine heilige Herrschaft“, und Dionysius setzt in ihre Definition, dass sie „sich einer Ähnlichkeit mit Gott nähert, so weit wie möglich“ (Coel. Hier. iii). Aber Heiligkeit und Ähnlichkeit mit Gott ist in den Engeln durch Gnade und nicht durch Natur. Also ist die Unterscheidung von Hierarchien und Chören in den Engeln durch Gnade und nicht durch Natur.
Einwand 2: Ferner werden die Seraphim „brennend“ oder „entflammend“ genannt, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. vii). Dies gehört zur Liebe [caritas], die nicht aus der Natur, sondern aus der Gnade kommt; denn „sie ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5): „was nicht nur von heiligen Menschen, sondern auch von den heiligen Engeln gesagt wird“, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xii). Also sind die engelhaften Chöre nicht aus der Natur, sondern aus der Gnade.
Einwand 3: Ferner ist die kirchliche Hierarchie von der himmlischen kopiert. Aber die Weihegrade unter den Menschen sind nicht von Natur aus, sondern durch die Gabe der Gnade; denn es ist keine natürliche Gabe, dass einer Bischof ist, und ein anderer Priester, und ein anderer Diakon. Also sind auch bei den Engeln die Chöre nicht von Natur aus, sondern nur aus der Gnade.
Dagegen spricht, was der Magister sagt (ii, D. 9), dass „ein engelhafter Chor eine Menge himmlischer Geister ist, die einander durch irgendeine Gabe der Gnade angeglichen sind, so wie sie auch in der Teilhabe an natürlichen Gaben übereinstimmen.“ Also ist die Unterscheidung der Chöre unter den Engeln nicht nur durch Gaben der Gnade, sondern auch durch Gaben der Natur.
Ich antworte darauf, dass die Ordnung der Regierung, welche die Ordnung einer Menge unter einer Autorität ist, von ihrem Ziel abgeleitet wird. Nun kann das Ziel der Engel auf zwei Weisen betrachtet werden. Erstens gemäß dem Vermögen der Natur, so dass sie Gott durch natürliche Erkenntnis und Liebe erkennen und lieben können; und gemäß ihrer Beziehung zu diesem Ziel werden die Chöre der Engel durch natürliche Gaben unterschieden. Zweitens kann das Ziel der engelhaften Menge von dem genommen werden, was über ihren natürlichen Kräften ist, was in der Schau des göttlichen Wesens und im unveränderlichen Genuss seiner Güte besteht; welches Ziel sie nur durch Gnade erreichen können; und daher werden hinsichtlich dieses Ziels die Chöre in den Engeln adäquat durch die Gaben der Gnade unterschieden, aber dispositiv durch natürliche Gaben, insofern den Engeln Gnadengaben gemäß der Kapazität ihrer natürlichen Gaben gegeben werden; was bei den Menschen nicht der Fall ist, wie oben erklärt (Quaestio [62], Artikel [6]). Daher werden unter den Menschen die Weihegrade nur gemäß den Gnadengaben unterschieden und nicht gemäß den natürlichen Gaben.
Hieraus sind die Antworten auf die Einwände offensichtlich.