I, q. 105 a. 6
Ob Gott etwas außerhalb der festgesetzten Ordnung der Natur tun kann?
Quaestio 105 · Von der Veränderung der Geschöpfe durch Gott
Einwand 1: Es scheint, dass Gott nichts außerhalb der festgesetzten Ordnung der Natur tun kann. Denn Augustinus (Contra Faust. xxvi) sagt: „Gott, der Macher und Schöpfer jeder Natur, tut nichts gegen die Natur.“ Aber das, was außerhalb der natürlichen Ordnung ist, scheint gegen die Natur zu sein. Daher kann Gott nichts außerhalb der natürlichen Ordnung tun.
Einwand 2: Ferner, wie die Ordnung der Gerechtigkeit von Gott ist, so ist es auch die Ordnung der Natur. Aber Gott kann nichts außerhalb der Ordnung der Gerechtigkeit tun; denn dann würde Er etwas Ungerechtes tun. Daher kann Er nichts außerhalb der Ordnung der Natur tun.
Einwand 3: Ferner hat Gott die Ordnung der Natur festgesetzt. Wenn Gott daher etwas außerhalb der Ordnung der Natur tut, so schiene es, dass Er veränderlich ist; was nicht gesagt werden kann.
Dagegen spricht, Augustinus sagt (Contra Faust. xxvi): „Gott tut zuweilen Dinge, die dem gewöhnlichen Lauf der Natur entgegenstehen.“
Ich antworte darauf, Aus jeder Ursache resultiert eine gewisse Ordnung zu ihren Wirkungen, da jede Ursache ein Prinzip ist; und so resultiert gemäß der Vielfalt der Ursachen eine Vielfalt von Ordnungen, die einander untergeordnet sind, wie Ursache der Ursache untergeordnet ist. Weshalb eine höhere Ursache nicht einer Ursache niedrigerer Ordnung unterworfen ist; sondern umgekehrt. Ein Beispiel hierfür kann in menschlichen Angelegenheiten gesehen werden. Vom Familienvater hängt die Ordnung des Haushalts ab; welche Ordnung in der Ordnung der Stadt enthalten ist; welche Ordnung wiederum vom Herrscher der Stadt abhängt; während diese letzte Ordnung von der des Königs abhängt, durch den das ganze Königreich geordnet wird.
Wenn wir daher die Ordnung der Dinge betrachten, wie sie von der ersten Ursache abhängt, so kann Gott nichts gegen diese Ordnung tun; denn wenn Er dies täte, würde Er gegen sein Vorherwissen oder seinen Willen oder seine Güte handeln. Wenn wir aber die Ordnung der Dinge betrachten, wie sie von irgendeiner Zweitursache abhängt, so kann Gott etwas außerhalb einer solchen Ordnung tun; denn Er ist der Ordnung der Zweitursachen nicht unterworfen; sondern im Gegenteil ist diese Ordnung Ihm unterworfen, da sie von Ihm ausgeht, nicht durch eine Naturnotwendigkeit, sondern durch die Wahl seines eigenen Willens; denn Er hätte eine andere Ordnung der Dinge erschaffen können. Weshalb Gott etwas außerhalb dieser von Ihm geschaffenen Ordnung tun kann, wenn Er will, zum Beispiel indem Er die Wirkungen von Zweitursachen ohne diese hervorbringt oder indem Er gewisse Wirkungen hervorbringt, auf die sich Zweitursachen nicht erstrecken. So sagt Augustinus (Contra Faust. xxvi): „Gott handelt gegen den gewohnten Lauf der Natur, aber keineswegs handelt Er gegen das höchste Gesetz; weil Er nicht gegen sich selbst handelt.“
Antwort auf Einwand 1: In natürlichen Dingen kann etwas außerhalb dieser natürlichen Ordnung auf zwei Weisen geschehen. Es kann geschehen durch die Einwirkung eines Agens, das ihnen nicht ihre natürliche Neigung gegeben hat; wie zum Beispiel, wenn ein Mensch einen schweren Körper nach oben bewegt, der ihm nicht seine natürliche Neigung verdankt, sich nach unten zu bewegen; und das wäre gegen die Natur. Es kann auch geschehen durch die Einwirkung des Agens, von dem die natürliche Neigung abhängt; und dies ist nicht gegen die Natur, wie bei Ebbe und Flut klar ist, was nicht gegen die Natur ist; obwohl es gegen die natürliche Bewegung des Wassers in absteigender Richtung ist; denn es ist dem Einfluss eines Himmelskörpers geschuldet, von dem die natürliche Neigung der niederen Körper abhängt. Da daher die Ordnung der Natur den Dingen von Gott gegeben ist; wenn Er etwas außerhalb dieser Ordnung tut, ist es nicht gegen die Natur. Weshalb Augustinus sagt (Contra Faust. xxvi): „Das ist für jedes Ding natürlich, was von Ihm verursacht wird, von Dem alle Art, Zahl und Ordnung in der Natur ist.“
Antwort auf Einwand 2: Die Ordnung der Gerechtigkeit entsteht durch die Beziehung zur Ersten Ursache, Die die Regel aller Gerechtigkeit ist; und daher kann Gott nichts gegen eine solche Ordnung tun.
Antwort auf Einwand 3: Gott hat eine gewisse Ordnung in den Dingen auf solche Weise festgesetzt, dass Er sich gleichzeitig alles vorbehielt, was er anders als durch eine partikulare Ursache zu tun beabsichtigte. Wenn Er also außerhalb dieser Ordnung handelt, ändert Er sich nicht.