I, q. 105 a. 4
Ob Gott den geschaffenen Willen bewegen kann?
Quaestio 105 · Von der Veränderung der Geschöpfe durch Gott
Einwand 1: Es scheint, dass Gott den geschaffenen Willen nicht bewegen kann. Denn was von außen bewegt wird, wird gezwungen. Aber der Wille kann nicht gezwungen werden. Daher wird er nicht von außen bewegt; und daher kann er nicht von Gott bewegt werden.
Einwand 2: Ferner kann Gott nicht machen, dass zwei Widersprüche zur gleichen Zeit wahr sind. Dies würde aber folgen, wenn Er den Willen bewegte; denn freiwillig bewegt zu werden bedeutet, von innen bewegt zu werden und nicht von einem anderen. Daher kann Gott den Willen nicht bewegen.
Einwand 3: Ferner wird Bewegung eher dem Beweger zugeschrieben als dem Bewegten; weshalb der Totschlag nicht dem Stein, sondern dem Werfer zugeschrieben wird. Wenn also Gott den Willen bewegt, folgt daraus, dass freiwillige Handlungen dem Menschen nicht zu Lohn oder Tadel angerechnet werden. Dies aber ist falsch. Daher bewegt Gott den Willen nicht.
Dagegen spricht, Es steht geschrieben (Phil 2,13): „Gott ist es, der in uns [Vulgata: ‚euch‘] sowohl das Wollen als auch das Vollbringen wirkt.“
Ich antworte darauf, Wie der Intellekt vom Objekt und vom Geber der Kraft des Erkennens bewegt wird, wie oben dargelegt (Artikel [3]), so wird der Wille von seinem Objekt bewegt, welches das Gute ist, und von Demjenigen, der die Kraft des Wollens erschafft. Nun kann der Wille vom Guten als seinem Objekt bewegt werden, aber von Gott allein hinreichend und wirksam. Denn nichts kann ein bewegliches Ding hinreichend bewegen, wenn nicht die aktive Kraft des Bewegers die Potenz des beweglichen Dinges übertrifft oder ihr zumindest gleicht. Nun erstreckt sich die Potenz des Willens auf das allgemeine Gute; denn sein Objekt ist das allgemeine Gute; so wie das Objekt des Intellekts das allgemeine Sein ist. Aber jedes geschaffene Gut ist irgendein partikulares Gut; Gott allein ist das allgemeine Gute. Wohingegen Er allein das Fassungsvermögen des Willens ausfüllt und ihn hinreichend als sein Objekt bewegt. In gleicher Weise wird die Kraft des Wollens von Gott allein verursacht. Denn Wollen ist nichts anderes, als auf das Objekt des Willens geneigt zu sein, welches das allgemeine Gute ist. Aber zum allgemeinen Guten hinzuneigen, kommt dem Ersten Beweger zu, dem das letzte Ziel angemessen ist; so wie in menschlichen Angelegenheiten demjenigen, der der Gemeinschaft vorsteht, die Ausrichtung seiner Untergebenen auf das Gemeinwohl zukommt. Weshalb es auf beide Weisen Gott zukommt, den Willen zu bewegen; besonders aber auf die zweite Weise durch eine innere Neigung des Willens.
Antwort auf Einwand 1: Ein Ding, das von einem anderen bewegt wird, ist gezwungen, wenn es gegen seine natürliche Neigung bewegt wird; wenn es aber von einem anderen bewegt wird, das ihm die eigene natürliche Neigung gibt, wird es nicht gezwungen; wie wenn ein schwerer Körper von demjenigen, der ihn hervorgebracht hat, dazu gebracht wird, sich nach unten zu bewegen, dann wird er nicht gezwungen. In gleicher Weise zwingt Gott, während Er den Willen bewegt, diesen nicht, weil Er dem Willen seine eigene natürliche Neigung gibt.
Antwort auf Einwand 2: Freiwillig bewegt zu werden, heißt, von innen bewegt zu werden, das heißt, durch ein inneres Prinzip: doch kann dieses innere Prinzip von einem äußeren Prinzip verursacht sein; und so steht das Von-innen-bewegt-Werden nicht im Widerspruch dazu, von einem anderen bewegt zu werden.
Antwort auf Einwand 3: Wenn der Wille so von einem anderen bewegt würde, dass er in keiner Weise von innen aus sich selbst bewegt würde, würde der Akt des Willens nicht zu Lohn oder Tadel angerechnet. Da aber sein Bewegtwerden durch einen anderen nicht verhindert, dass er von innen aus sich selbst bewegt wird, wie wir dargelegt haben (ad 2), verliert er dadurch nicht den Grund für Verdienst oder Missverdienst.