I, q. 105 a. 2
Ob Gott einen Körper unmittelbar bewegen kann?
Quaestio 105 · Von der Veränderung der Geschöpfe durch Gott
Einwand 1: Es scheint, dass Gott einen Körper nicht unmittelbar bewegen kann. Denn da das Bewegende und das Bewegte gleichzeitig existieren müssen, wie der Philosoph sagt (Phys. vii), folgt daraus, dass es eine Berührung zwischen dem Bewegenden und dem Bewegten geben muss. Aber es kann keine Berührung zwischen Gott und einem Körper geben; denn Dionysius sagt (Div. Nom. 1): „Es gibt keine Berührung mit Gott.“ Daher kann Gott einen Körper nicht unmittelbar bewegen.
Einwand 2: Ferner ist Gott der unbewegte Beweger. Ein solcher ist aber auch das begehrenswerte Objekt, wenn es erkannt wird. Daher bewegt Gott als Objekt des Begehrens und der Erkenntnis. Aber Er kann nicht erkannt werden außer durch den Intellekt, der weder ein Körper noch eine körperliche Kraft ist. Daher kann Gott einen Körper nicht unmittelbar bewegen.
Einwand 3: Ferner beweist der Philosoph (Phys. viii), dass eine unendliche Kraft augenblicklich bewegt. Es ist aber unmöglich, dass ein Körper in einem einzigen Augenblick bewegt wird; denn da jede Bewegung zwischen Gegensätzen verläuft, würde folgen, dass zwei Gegensätze zugleich im selben Subjekt existieren würden, was unmöglich ist. Daher kann ein Körper nicht unmittelbar durch eine unendliche Kraft bewegt werden. Aber Gottes Kraft ist unendlich, wie wir erklärt haben (Quaestio [25], Artikel [2]). Daher kann Gott einen Körper nicht unmittelbar bewegen.
Dagegen spricht, Gott hat die Werke der sechs Tage unmittelbar hervorgebracht, worunter auch die Bewegungen der Körper eingeschlossen sind, wie aus Gen 1,9 klar hervorgeht: „Es sammle sich das Wasser an einen Ort.“ Daher kann Gott allein einen Körper unmittelbar bewegen.
Ich antworte darauf, Es ist irrig zu sagen, dass Gott nicht selbst alle bestimmten Wirkungen hervorbringen kann, die von irgendeiner geschaffenen Ursache hervorgebracht werden. Da also Körper unmittelbar von geschaffenen Ursachen bewegt werden, können wir unmöglich bezweifeln, dass Gott jedweden Körper unmittelbar bewegen kann. Dies folgt in der Tat aus dem oben Gesagten (Artikel [1]). Denn jede Bewegung irgendeines Körpers folgt entweder aus einer Form, wie die Bewegungen schwerer und leichter Dinge aus der Form folgen, die sie von ihrer erzeugenden Ursache haben, weshalb der Erzeuger der Beweger genannt wird; oder sie zielt auf eine Form hin, wie das Erhitzen auf die Form der Hitze hinzielt. Nun gehört es derselben Ursache zu, eine Form einzuprägen, zu dieser Form zu disponieren und die Bewegung zu geben, die aus dieser Form resultiert; denn Feuer erzeugt nicht nur Feuer, sondern es erhitzt auch und bewegt Dinge nach oben. Da Gott also unmittelbar Form in die Materie einprägen kann, folgt daraus, dass Er jedweden Körper hinsichtlich jedweder Bewegung bewegen kann.
Antwort auf Einwand 1: Es gibt zwei Arten der Berührung: körperliche Berührung, wenn zwei Körper einander berühren; und virtuelle Berührung, wie die Ursache der Traurigkeit den Traurigen berührt. Gemäß der ersten Art der Berührung berührt Gott, da Er unkörperlich ist, weder, noch wird Er berührt; aber gemäß der virtuellen Berührung berührt Er die Geschöpfe, indem Er sie bewegt; Er aber wird nicht berührt, weil die natürliche Kraft keines Geschöpfes bis zu Ihm hinaufreichen kann. So verstand Dionysius die Worte: „Es gibt keine Berührung mit Gott“; das heißt, so dass Gott selbst berührt würde.
Antwort auf Einwand 2: Gott bewegt als Objekt des Begehrens und der Erkenntnis; aber daraus folgt nicht, dass Er immer als begehrt und erkannt von dem bewegt, was bewegt wird; sondern als von sich selbst begehrt und erkannt; denn Er tut alle Dinge um seiner eigenen Güte willen.
Antwort auf Einwand 3: Der Philosoph (Phys. viii) beabsichtigt durch das folgende Argument zu beweisen, dass die Kraft des ersten Bewegers keine Kraft „von körperlicher Größe“ ist. Die Kraft des ersten Bewegers ist unendlich (was er aus der Tatsache beweist, dass der erste Beweger in unendlicher Zeit bewegen kann). Nun würde eine unendliche Kraft, wenn sie eine Kraft „von körperlicher Größe“ wäre, ohne Zeit bewegen, was unmöglich ist; daher muss die unendliche Kraft des ersten Bewegers in etwas sein, das nicht durch seine Größe gemessen wird. Daraus ist klar, dass die Bewegung eines Körpers ohne Zeit nur das Ergebnis einer unendlichen Kraft sein kann. Der Grund ist, dass jede Kraft von körperlicher Größe in ihrer Gesamtheit bewegt; da sie durch die Notwendigkeit ihrer Natur bewegt. Aber eine unendliche Kraft übertrifft jede endliche Kraft unverhältnismäßig. Je größer nun die Kraft des Bewegers, desto größer ist die Geschwindigkeit der Bewegung. Da also eine endliche Kraft in einer bestimmten Zeit bewegt, folgt daraus, dass eine unendliche Kraft in keiner Zeit bewegt; denn zwischen einer Zeit und irgendeiner anderen Zeit gibt es ein Verhältnis. Andererseits ist eine Kraft, die nicht in einer körperlichen Größe ist, die Kraft eines intelligenten Wesens, das in seinen Wirkungen gemäß dem wirkt, was ihnen angemessen ist; und da es für einen Körper nicht angemessen sein kann, ohne Zeit bewegt zu werden, folgt daraus nicht, dass er ohne Zeit bewegt wird.