I, q. 105 a. 1
Ob Gott die Materie unmittelbar zur Form bewegen kann?
Quaestio 105 · Von der Veränderung der Geschöpfe durch Gott
Einwand 1: Es scheint, dass Gott die Materie nicht unmittelbar bewegen kann, um die Form zu empfangen. Denn wie der Philosoph beweist (Metaph. vii), kann nichts eine Form in irgendeine bestimmte Materie bringen, außer jener Form, die in der Materie ist; denn Gleiches erzeugt Gleiches. Gott aber ist keine Form in der Materie. Also kann Er keine Form in der Materie verursachen.
Einwand 2: Ferner wird ein Agens, das auf verschiedene Wirkungen hin geneigt ist, keine davon hervorbringen, es sei denn, es werde durch eine andere Ursache auf eine bestimmte festgelegt; denn, wie der Philosoph sagt (De Anima iii), bewegt eine allgemeine Aussage den Geist nicht, außer durch Vermittlung einer besonderen Auffassung. Die göttliche Macht aber ist die allgemeine Ursache aller Dinge. Daher kann sie keine besondere Form hervorbringen, außer durch Vermittlung eines besonderen Agens.
Einwand 3: Wie das allgemeine Sein von der ersten allgemeinen Ursache abhängt, so hängt das bestimmte Sein von bestimmten partikularen Ursachen ab; wie wir oben gesehen haben (Quaestio [104], Artikel [2]). Aber das bestimmte Sein eines einzelnen Dinges kommt von seiner eigenen Form. Daher werden die Formen der Dinge von Gott nur durch Vermittlung partikularer Ursachen hervorgebracht.
Dagegen spricht, Es steht geschrieben (Gen 2,7): „Gott bildete den Menschen aus dem Schlamm der Erde.“
Ich antworte darauf, Gott kann die Materie unmittelbar zur Form bewegen; denn alles, was in passiver Potenz ist, kann durch die aktive Kraft, die sich über diese Potenz erstreckt, in den Akt überführt werden. Da sich nun die göttliche Macht über die Materie erstreckt, da diese von Gott hervorgebracht ist, kann sie durch die göttliche Macht in den Akt überführt werden: und dies ist es, was gemeint ist, wenn gesagt wird, die Materie werde zu einer Form bewegt; denn eine Form ist nichts anderes als der Akt der Materie.
Antwort auf Einwand 1: Eine Wirkung wird der Wirkursache auf zwei Arten angeglichen. Erstens gemäß derselben Spezies; wie der Mensch vom Menschen gezeugt wird und Feuer vom Feuer. Zweitens dadurch, dass sie virtuell in der Ursache enthalten ist; wie die Form der Wirkung virtuell in ihrer Ursache enthalten ist: so gleichen Tiere, die durch Fäulnis entstehen, sowie Pflanzen und Mineralien der Sonne und den Sternen, durch deren Kraft sie hervorgebracht werden. Auf diese Weise gleicht die Wirkung ihrer Wirkursache hinsichtlich all dessen, worüber sich die Kraft jener Ursache erstreckt. Nun erstreckt sich die Kraft Gottes sowohl auf die Materie als auch auf die Form; wie wir oben gesagt haben (Quaestio [14], Artikel [2]; Quaestio [44], Artikel [2]); weshalb, wenn ein zusammengesetztes Ding hervorgebracht wird, es Gott durch virtuellen Einschluss gleicht; oder es gleicht dem zusammengesetzten Erzeuger durch eine Ähnlichkeit der Spezies. Daher kann Gott, ebenso wie der zusammengesetzte Erzeuger die Materie zu einer Form bewegen kann, indem er ein zusammengesetztes Ding gleich sich selbst erzeugt, dies auch tun. Aber keine andere Form, die nicht in der Materie existiert, kann dies tun; weil sich die Kraft keiner anderen getrennten Substanz über die Materie erstreckt. Daher wirken Engel und Dämonen auf die sichtbare Materie ein; nicht indem sie Formen in die Materie einprägen, sondern indem sie sich körperlicher Samen bedienen.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument wäre stichhaltig, wenn Gott aus Naturnotwendigkeit handelte. Da Er aber durch seinen Willen und Intellekt handelt, der die besonderen und nicht nur die allgemeinen Naturen aller Formen kennt, folgt daraus, dass Er diese oder jene Form bestimmt in die Materie einprägen kann.
Antwort auf Einwand 3: Die Tatsache, dass Zweitursachen auf bestimmte Wirkungen hingeordnet sind, ist Gott zuzuschreiben; weshalb Gott, da Er andere Ursachen zu gewissen Wirkungen ordnet, auch gewisse Wirkungen durch sich selbst ohne irgendeine andere Ursache hervorbringen kann.