I, q. 105 a. 5
Ob Gott in jedem Wirkenden wirkt?
Quaestio 105 · Von der Veränderung der Geschöpfe durch Gott
Einwand 1: Es scheint, dass Gott nicht in jedem Wirkenden wirkt. Denn wir dürfen Gott keine Unzulänglichkeit zuschreiben. Wenn also Gott in jedem Wirkenden wirkt, wirkt Er in jedem hinreichend. Daher wäre es überflüssig, dass das geschaffene Agens überhaupt wirkt.
Einwand 2: Ferner kann dasselbe Werk nicht zur gleichen Zeit aus zwei Quellen hervorgehen; wie auch ein und dieselbe Bewegung nicht zwei beweglichen Dingen zugehören kann. Wenn daher die Operation des Geschöpfes von Gott stammt, der im Geschöpf wirkt, kann sie nicht zur gleichen Zeit vom Geschöpf ausgehen; und so wirkt kein Geschöpf überhaupt.
Einwand 3: Ferner ist der Macher die Ursache der Operation des gemachten Dinges, indem er ihm die Form gibt, wodurch es wirkt. Wenn also Gott die Ursache der Operation der von Ihm gemachten Dinge ist, so wäre dies insofern, als Er ihnen die Kraft des Wirkens gibt. Aber dies geschieht am Anfang, wenn Er sie macht. So scheint es, dass Gott nicht weiter im wirkenden Geschöpf wirkt.
Dagegen spricht, Es steht geschrieben (Jes 26,12): „Herr, du hast alle unsere Werke in [Vulg.: ‚für‘] uns gewirkt.“
Ich antworte darauf, Einige haben verstanden, dass Gott in jedem Wirkenden auf solche Weise wirkt, dass keine geschaffene Kraft irgendeine Wirkung in den Dingen hat, sondern dass Gott allein die letzte Ursache von allem Gewirkten ist; zum Beispiel, dass es nicht das Feuer ist, das Hitze gibt, sondern Gott im Feuer, und so weiter. Aber dies ist unmöglich. Erstens, weil die Ordnung von Ursache und Wirkung von den geschaffenen Dingen weggenommen würde: und dies würde einen Mangel an Macht im Schöpfer implizieren: denn es ist der Macht der Ursache geschuldet, dass sie ihrer Wirkung aktive Kraft verleiht. Zweitens, weil die aktiven Kräfte, die in den Dingen existieren, den Dingen vergeblich verliehen wären, wenn diese nichts durch sie wirkten. In der Tat würden alle geschaffenen Dinge in gewisser Weise zwecklos erscheinen, wenn ihnen eine ihnen eigene Operation fehlte; da der Zweck eines jeden Dinges seine Operation ist. Denn das weniger Vollkommene ist immer um des Vollkommeneren willen: und folglich, wie die Materie um der Form willen ist, so ist die Form, die der erste Akt ist, um ihrer Operation willen, die der zweite Akt ist; und so ist die Operation das Ziel des Geschöpfes. Wir müssen daher verstehen, dass Gott in den Dingen auf solche Weise wirkt, dass die Dinge ihre eigene Operation haben.
Um dies klarzumachen, müssen wir beachten, dass, da es wenige Arten von Ursachen gibt, die Materie kein Prinzip des Handelns ist, sondern das Subjekt, das die Wirkung des Handelns empfängt. Andererseits sind das Ziel, das Agens und die Form Prinzipien des Handelns, aber in einer gewissen Ordnung. Denn das erste Prinzip des Handelns ist das Ziel, das das Agens bewegt; das zweite ist das Agens; das dritte ist die Form dessen, was das Agens zum Handeln anwendet (obwohl das Agens auch durch seine eigene Form handelt); wie deutlich in Dingen zu sehen ist, die durch Kunst gemacht sind. Denn der Handwerker wird durch das Ziel zum Handeln bewegt, welches das gewirkte Ding ist, zum Beispiel eine Truhe oder ein Bett; und er wendet zum Handeln die Axt an, die durch ihre Schärfe schneidet.
So also wirkt Gott in jedem Wirkenden gemäß diesen drei Dingen. Erstens als Ziel. Denn da jede Operation um irgendeines wahren oder scheinbaren Gutes willen geschieht; und nichts gut ist, weder wirklich noch scheinbar, außer insofern es an einer Ähnlichkeit mit dem höchsten Gut teilhat, welches Gott ist; folgt daraus, dass Gott selbst die Ursache jeder Operation als ihr Ziel ist. Wiederum ist zu beachten, dass dort, wo es mehrere Agentien in einer Ordnung gibt, das zweite immer kraft des ersten handelt; denn das erste Agens bewegt das zweite zum Handeln. Und so handeln alle Agentien kraft Gottes selbst: und daher ist Er die Ursache des Handelns in jedem Agens. Drittens müssen wir beachten, dass Gott die Dinge nicht nur zum Wirken bewegt, indem Er gleichsam ihre Formen und Kräfte auf die Operation anwendet, so wie der Arbeiter die Axt zum Schneiden anwendet, der der Axt dennoch zuweilen nicht ihre Form gibt; sondern Er gibt den geschaffenen Agentien auch ihre Formen und erhält sie im Sein. Daher ist Er die Ursache des Handelns nicht nur, indem Er die Form gibt, die das Prinzip des Handelns ist, wie der Erzeuger die Ursache der Bewegung in schweren und leichten Dingen genannt wird; sondern auch als Erhalter der Formen und Kräfte der Dinge; so wie die Sonne die Ursache des Sichtbarwerdens der Farben genannt wird, insofern sie das Licht gibt und erhält, durch das die Farben sichtbar gemacht werden. Und da die Form eines Dinges innerhalb des Dinges ist, und umso mehr, je näher es der Ersten und Allgemeinen Ursache kommt; und weil in allen Dingen Gott selbst eigentlich die Ursache des allgemeinen Seins ist, das das Innerste in allen Dingen ist; folgt daraus, dass Gott in allen Dingen auf innerste Weise wirkt. Aus diesem Grund werden in der Heiligen Schrift die Operationen der Natur Gott als in der Natur wirkend zugeschrieben, gemäß Ijob 10,11: „Mit Haut und Fleisch hast du mich bekleidet: mit Knochen und Sehnen hast du mich zusammengefügt.“
Antwort auf Einwand 1: Gott wirkt hinreichend in den Dingen als Erstes Agens, aber daraus folgt nicht, dass die Operation der sekundären Agentien überflüssig ist.
Antwort auf Einwand 2: Eine Handlung geht nicht von zwei Agentien derselben Ordnung aus. Aber nichts hindert daran, dass dieselbe Handlung von einem primären und einem sekundären Agens ausgeht.
Antwort auf Einwand 3: Gott gibt den Dingen nicht nur ihre Form, sondern Er erhält sie auch im Dasein und wendet sie zum Akt an und ist überdies das Ziel jeder Handlung, wie oben erklärt.