I, q. 105 a. 3
Ob Gott den geschaffenen Intellekt unmittelbar bewegt?
Quaestio 105 · Von der Veränderung der Geschöpfe durch Gott
Einwand 1: Es scheint, dass Gott den geschaffenen Intellekt nicht unmittelbar bewegt. Denn die Tätigkeit des Intellekts wird von seinem eigenen Subjekt beherrscht; da sie nicht in äußere Materie übergeht; wie in Metaph. ix dargelegt wird. Aber die Tätigkeit dessen, was von einem anderen bewegt wird, geht nicht von dem aus, worin sie ist, sondern vom Beweger. Daher wird der Intellekt nicht von einem anderen bewegt; und so kann Gott anscheinend den geschaffenen Intellekt nicht bewegen.
Einwand 2: Ferner wird etwas, das in sich selbst ein hinreichendes Prinzip der Bewegung ist, nicht von einem anderen bewegt. Aber die Bewegung des Intellekts ist sein Akt des Verstehens; in dem Sinne, in dem wir sagen, dass Verstehen oder Empfinden eine Art von Bewegung ist, wie der Philosoph sagt (De Anima iii). Aber das intellektuelle Licht, das der Seele natürlich ist, ist ein hinreichendes Prinzip des Verstehens. Daher wird er nicht von einem anderen bewegt.
Einwand 3: Ferner, wie die Sinne vom Sinnfälligen bewegt werden, so wird der Intellekt vom Intelligiblen bewegt. Aber Gott ist für uns nicht intelligibel und übersteigt das Fassungsvermögen unseres Intellekts. Daher kann Gott unseren Intellekt nicht bewegen.
Dagegen spricht, Der Lehrer bewegt den Intellekt des Belehrten. Aber es steht geschrieben (Ps 93,10), dass Gott „den Menschen Wissen lehrt“. Daher bewegt Gott den menschlichen Intellekt.
Ich antworte darauf, Wie bei der körperlichen Bewegung dasjenige der Beweger genannt wird, das die Form gibt, die das Prinzip der Bewegung ist, so sagt man, dass dasjenige den Intellekt bewegt, was die Ursache der Form ist, die das Prinzip der intellektuellen Operation ist, welche Bewegung des Intellekts genannt wird. Nun gibt es ein zweifaches Prinzip der intellektuellen Operation im intelligenten Wesen; eines, welches die intellektuelle Kraft selbst ist, welches Prinzip in demjenigen existiert, der in Potenz versteht; während das andere das Prinzip des aktuellen Verstehens ist, nämlich das Abbild des verstandenen Dinges in demjenigen, der versteht. So sagt man, dass ein Ding den Intellekt bewegt, sei es, dass es demjenigen, der versteht, die Kraft des Verstehens gibt; oder dass es ihm das Abbild des verstandenen Dinges einprägt.
Nun bewegt Gott den geschaffenen Intellekt auf beide Weisen. Denn Er ist das erste immaterielle Sein; und da Intellektualität eine Folge der Immaterialität ist, folgt daraus, dass Er das erste intelligente Wesen ist. Da also in jeder Ordnung das Erste die Ursache von allem ist, was folgt, müssen wir schließen, dass von Ihm alle intellektuelle Kraft ausgeht. In gleicher Weise folgt, da Er das erste Sein ist und alle anderen Wesen in Ihm als in ihrer ersten Ursache präexistieren, dass sie intelligibel in Ihm existieren, nach der Weise seiner eigenen Natur. Denn wie die intelligiblen Typen aller Dinge zuallererst in Gott existieren und von Ihm durch andere Intellekte abgeleitet werden, damit diese aktuell verstehen können; so werden sie auch von den Geschöpfen abgeleitet, damit diese subsistieren können. Daher bewegt Gott den geschaffenen Intellekt insofern, als Er ihm die intellektuelle Kraft gibt, sei sie natürlich oder hinzugefügt; und dem geschaffenen Intellekt die intelligiblen Spezies einprägt und sowohl Kraft als auch Spezies im Sein erhält und bewahrt.
Antwort auf Einwand 1: Die intellektuelle Operation wird vom Intellekt vollzogen, in dem sie existiert, als von einer Zweitursache; aber sie geht von Gott aus als von ihrer ersten Ursache. Denn durch Ihn wird demjenigen, der versteht, die Kraft zu verstehen gegeben.
Antwort auf Einwand 2: Das intellektuelle Licht zusammen mit dem Abbild des verstandenen Dinges ist ein hinreichendes Prinzip des Verstehens; aber es ist ein sekundäres Prinzip und hängt vom Ersten Prinzip ab.
Antwort auf Einwand 3: Das intelligible Objekt bewegt unseren menschlichen Intellekt, insofern es ihm in gewisser Weise sein eigenes Abbild einprägt, mittels dessen der Intellekt fähig ist, es zu verstehen. Aber die Abbilder, die Gott dem geschaffenen Intellekt einprägt, reichen nicht aus, um den geschaffenen Intellekt zu befähigen, Ihn durch sein Wesen zu verstehen, wie wir oben gesehen haben (Quaestio [12], Artikel [2]; Quaestio [56], Artikel [3]). Daher bewegt Er den geschaffenen Intellekt, und doch kann Er für ihn nicht intelligibel sein, wie wir erklärt haben (Quaestio [12], Artikel [4]).