I, q. 103 a. 6
Ob alle Dinge unmittelbar von Gott regiert werden?
Quaestio 103 · Von der Regierung der Dinge im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass alle Dinge unmittelbar von Gott regiert werden. Denn Gregor von Nyssa (Nemesius, De Nat. Hom.) tadelt die Meinung Platons, der die Vorsehung in drei Teile teilt. Den ersten schreibt er dem höchsten Gott zu, der über die himmlischen Dinge und alle Universalien wacht; die zweite Vorsehung schreibt er den sekundären Gottheiten zu, die den Kreislauf der Himmel durchlaufen, um über Entstehung und Vergehen zu wachen; während er eine dritte Vorsehung gewissen Geistern zuschreibt, die Wächter der menschlichen Handlungen auf Erden sind. Deshalb scheint es, dass alle Dinge unmittelbar von Gott regiert werden.
Einwand 2: Ferner ist es besser, dass eine Sache von einem getan wird, wenn möglich, als von vielen, wie der Philosoph sagt (Phys. viii, 6). Aber Gott kann durch Sich selbst alle Dinge ohne irgendeine vermittelnde Ursache regieren. Deshalb scheint es, dass Er alle Dinge unmittelbar regiert.
Einwand 3: Ferner ist in Gott nichts mangelhaft oder unvollkommen. Aber es scheint bei einem Herrscher unvollkommen zu sein, mittels anderer zu regieren; so bedarf ein irdischer König, weil er nicht alles selbst tun kann und weil er nicht überall zur gleichen Zeit sein kann, der Regierung mittels Dienern. Deshalb regiert Gott alle Dinge unmittelbar.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Trin. iii, 4): „Wie die niederen und gröberen Körper in einer gewissen geordneten Weise von Körpern größerer Feinheit und Kraft regiert werden; so werden alle Körper vom vernünftigen Geist des Lebens regiert; und der sündige und ungläubige Geist wird vom guten und gerechten Geist des Lebens regiert; und dieser Geist von Gott selbst.“
Ich antworte darauf, In der Regierung sind zwei Dinge zu betrachten; der Entwurf der Regierung, welcher die Vorsehung selbst ist; und die Ausführung des Entwurfs. Was den Entwurf der Regierung betrifft, regiert Gott alle Dinge unmittelbar; wohingegen Er in dessen Ausführung manche Dinge mittels anderer regiert.
Der Grund hierfür ist, dass, da Gott die eigentliche Essenz der Güte ist, alles Gott im höchsten Grad der Güte zugeschrieben werden muss. Nun besteht der höchste Grad der Güte in jeder praktischen Ordnung, jedem Entwurf oder Wissen (und ein solcher ist der Entwurf der Regierung) darin, die Einzelheiten zu kennen, auf die eingewirkt wird; wie der beste Arzt nicht derjenige ist, der seine Aufmerksamkeit nur allgemeinen Prinzipien widmen kann, sondern der die kleinsten Details betrachten kann; und so weiter in anderen Dingen. Deshalb müssen wir sagen, dass Gott den Entwurf der Regierung aller Dinge hat, selbst der allergeringsten.
Aber da Dinge, die regiert werden, durch die Regierung zur Vollkommenheit gebracht werden sollten, wird diese Regierung in dem Maße umso besser sein, wie die regierten Dinge zur Vollkommenheit gebracht werden. Nun ist es eine größere Vollkommenheit für ein Ding, in sich selbst gut zu sein und auch die Ursache der Güte in anderen zu sein, als nur in sich selbst gut zu sein. Deshalb regiert Gott die Dinge so, dass Er manche von ihnen zu Ursachen für andere in der Regierung macht; wie ein Meister, der seinen Schülern nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die Fähigkeit gibt, andere zu lehren.
Antwort auf Einwand 1: Platons Meinung ist zurückzuweisen, weil er vertrat, dass Gott nicht alle Dinge unmittelbar regierte, selbst im Entwurf der Regierung; dies ist klar aus der Tatsache, dass er die Vorsehung, welche der Entwurf der Regierung ist, in drei Teile teilte.
Antwort auf Einwand 2: Wenn Gott allein regierte, würden die Dinge der Vollkommenheit der Kausalität beraubt. Daher würde all das, was durch viele bewirkt wird, nicht durch einen vollbracht werden.
Antwort auf Einwand 3: Dass ein irdischer König Diener haben sollte, um seine Gesetze auszuführen, ist ein Zeichen nicht nur dafür, dass er unvollkommen ist, sondern auch seiner Würde; weil durch die Anordnung der Diener die königliche Macht deutlicher in Erscheinung tritt.