I, q. 103 a. 5
Ob alle Dinge der göttlichen Regierung unterworfen sind?
Quaestio 103 · Von der Regierung der Dinge im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass nicht alle Dinge der göttlichen Regierung unterworfen sind. Denn es steht geschrieben (Pred 9,11): „Ich sah, dass unter der Sonne der Lauf nicht den Schnellen gehört, noch der Kampf den Starken, noch das Brot den Weisen, noch Reichtum den Gelehrten, noch Gunst den Geschickten, sondern Zeit und Zufall in allem.“ Aber Dinge, die der göttlichen Regierung unterworfen sind, werden nicht durch Zufall regiert. Deshalb sind jene Dinge, die unter der Sonne sind, nicht der göttlichen Regierung unterworfen.
Einwand 2: Ferner sagt der Apostel (1 Kor 9,9): „Gott kümmert sich nicht um die Ochsen.“ Aber derjenige, der regiert, kümmert sich um die Dinge, die er regiert. Deshalb sind nicht alle Dinge der göttlichen Regierung unterworfen.
Einwand 3: Ferner braucht das, was sich selbst regieren kann, nicht von einem anderen regiert zu werden. Aber die vernunftbegabte Kreatur kann sich selbst regieren; da sie Herr über ihre eigene Handlung ist und aus sich selbst handelt; und nicht von einem anderen zum Handeln gebracht wird, was Dingen eigen zu sein scheint, die regiert werden. Deshalb sind nicht alle Dinge der göttlichen Regierung unterworfen.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Civ. Dei v, 11): „Nicht nur Himmel und Erde, nicht nur Mensch und Engel, sogar die Eingeweide des niedrigsten Tieres, sogar den Flügel des Vogels, die Blüte der Pflanze, das Blatt des Baumes hat Gott mit jedem passenden Detail ihrer Natur ausgestattet.“ Deshalb sind alle Dinge seiner Regierung unterworfen.
Ich antworte darauf, Aus demselben Grund ist Gott der Herrscher der Dinge, aus dem er ihre Ursache ist, weil derselbe das Dasein gibt, der die Vollkommenheit gibt; und dies gehört zur Regierung. Nun ist Gott die Ursache nicht nur irgendeiner besonderen Art von Sein, sondern des gesamten universalen Seins, wie oben bewiesen (Quaestio [44], Artikel [1],2). Daher kann es, so wie es nichts geben kann, das nicht von Gott geschaffen ist, nichts geben, das nicht seiner Regierung unterworfen ist. Dies kann auch aus der Natur des Ziels der Regierung bewiesen werden. Denn die Regierung eines Menschen erstreckt sich über all jene Dinge, die unter das Ziel seiner Regierung fallen. Nun ist das Ziel der göttlichen Regierung die göttliche Güte; wie wir gezeigt haben (Artikel [2]). Daher ist es, so wie es nichts geben kann, das nicht auf die göttliche Güte als sein Ziel hingeordnet ist, wie aus dem klar ist, was wir oben gesagt haben (Quaestio [44], Artikel [4]; Quaestio [65], Artikel [2]), unmöglich, dass sich irgendetwas der göttlichen Regierung entzieht.
Töricht war daher die Meinung jener, die sagten, dass die vergängliche untere Welt, oder einzelne Dinge, oder dass sogar menschliche Angelegenheiten nicht der göttlichen Regierung unterworfen seien. Diese werden dargestellt, wie sie sagen: „Gott hat die Erde verlassen“ (Ez 9,9).
Antwort auf Einwand 1: Diese Dinge werden als unter der Sonne befindlich bezeichnet, die gemäß der Bewegung der Sonne entstehen und vergehen. In all solchen Dingen finden wir Zufall: nicht dass alles zufällig ist, was in solchen Dingen geschieht; sondern dass in jedem einzelnen ein Element des Zufalls ist. Und gerade die Tatsache, dass ein Element des Zufalls in jenen Dingen gefunden wird, beweist, dass sie der Regierung irgendeiner Art unterworfen sind. Denn wenn vergängliche Dinge nicht von einem höheren Wesen regiert würden, würden sie zu nichts Bestimmtem tendieren, besonders jene, die keinerlei Erkenntnis besitzen. So würde nichts unbeabsichtigt geschehen; was die Natur des Zufalls ausmacht. Um daher zu zeigen, wie Dinge durch Zufall und doch gemäß der Anordnung einer höheren Ursache geschehen, sagt er nicht absolut, dass er Zufall in allen Dingen beobachtet, sondern „Zeit und Zufall“, das heißt, dass Mängel in diesen Dingen gemäß einer gewissen zeitlichen Ordnung gefunden werden können.
Antwort auf Einwand 2: Regierung impliziert eine gewisse Veränderung, die vom Regenten in den regierten Dingen bewirkt wird. Nun ist jede Bewegung der Akt eines beweglichen Dinges, verursacht durch das bewegende Prinzip, wie in Phys. iii, 3 dargelegt wird. Und jeder Akt ist dem proportional, dessen Akt er ist. Folglich müssen verschiedene bewegliche Dinge verschieden bewegt werden, selbst in Bezug auf die Bewegung durch ein und denselben Beweger. So werden durch die eine Kunst des göttlichen Regenten verschiedene Dinge verschieden regiert gemäß ihrer Verschiedenheit. Manche handeln gemäß ihrer Natur aus sich selbst, indem sie Herrschaft über ihre Handlungen haben; und diese werden von Gott regiert, nicht nur darin, dass sie von Gott selbst bewegt werden, Der in ihnen innerlich wirkt; sondern auch darin, dass sie von Ihm dazu veranlasst werden, Gutes zu tun und das Böse zu fliehen, durch Gebote und Verbote, Belohnungen und Strafen. Aber vernunftlose Geschöpfe, die nicht handeln, sondern an denen gehandelt wird, werden nicht auf diese Weise von Gott regiert. Wenn daher der Apostel sagt, dass „Gott sich nicht um die Ochsen kümmert“, entzieht er sie nicht gänzlich der göttlichen Regierung, sondern nur in Bezug auf die Art und Weise, wie vernunftbegabte Geschöpfe regiert werden.
Antwort auf Einwand 3: Die vernunftbegabte Kreatur regiert sich selbst durch ihren Intellekt und Willen, die beide der Regierung und Vervollkommnung durch den göttlichen Intellekt und Willen bedürfen. Deshalb bedarf sie über die Regierung hinaus, durch welche die vernunftbegabte Kreatur sich selbst als Herr ihrer eigenen Handlung regiert, der Regierung durch Gott.