I, q. 103 a. 2
Ob das Ziel der Regierung der Welt etwas außerhalb der Welt ist?
Quaestio 103 · Von der Regierung der Dinge im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass das Ziel der Regierung der Welt nicht etwas außerhalb der Welt Existierendes ist. Denn das Ziel der Regierung eines Dinges ist das, wohin das regierte Ding gebracht wird. Aber das, wohin ein Ding gebracht wird, ist irgendein Gut im Ding selbst; so wird ein kranker Mann zur Gesundheit zurückgebracht, die etwas Gutes in ihm ist. Deshalb ist das Ziel der Regierung der Dinge irgendein Gut nicht außerhalb, sondern innerhalb der Dinge selbst.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. i, 1): „Manche Ziele sind eine Tätigkeit; manche sind ein Werk“ – d.h. durch eine Tätigkeit hervorgebracht. Aber nichts kann vom gesamten Universum außerhalb seiner selbst hervorgebracht werden; und die Tätigkeit existiert im Handelnden. Deshalb kann nichts Äußeres das Ziel der Regierung der Dinge sein.
Einwand 3: Ferner scheint das Gut der Vielheit in der Ordnung und im Frieden zu bestehen, welcher die „Ruhe der Ordnung“ ist, wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xix, 13). Aber die Welt setzt sich aus einer Vielheit von Dingen zusammen. Deshalb ist das Ziel der Regierung der Welt die friedliche Ordnung in den Dingen selbst. Deshalb ist das Ziel der Regierung der Welt kein äußeres Gut.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Spr 16,4): „Der Herr hat alles um seiner selbst willen gemacht.“ Aber Gott ist außerhalb der gesamten Ordnung des Universums. Deshalb ist das Ziel aller Dinge etwas ihnen Äußerliches.
Ich antworte darauf, Da das Ziel eines Dinges seinem Anfang entspricht, ist es nicht möglich, das Ziel der Dinge nicht zu kennen, wenn wir ihren Anfang kennen. Da also der Anfang aller Dinge etwas außerhalb des Universums ist, nämlich Gott, ist aus dem, was oben dargelegt wurde (Quaestio [44], Artikel [1],2), klar, dass wir schließen müssen, dass das Ziel aller Dinge irgendein äußeres Gut ist. Dies kann durch die Vernunft bewiesen werden. Denn es ist klar, dass das Gute die Natur eines Ziels hat; weshalb ein besonderes Ziel irgendeiner Sache in irgendeinem besonderen Gut besteht; während das universale Ziel aller Dinge das Universale Gute ist; Welches Gut an sich selbst ist kraft Seiner Essenz, Welche die eigentliche Essenz der Güte ist; wohingegen ein besonderes Gut gut durch Teilhabe ist. Nun ist es offenkundig, dass es im ganzen geschaffenen Universum kein Gut gibt, das nicht ein solches durch Teilhabe ist. Daher muss jenes Gut, welches das Ziel des ganzen Universums ist, ein Gut außerhalb des Universums sein.
Antwort auf Einwand 1: Wir können ein Gut auf vielerlei Weise erlangen: erstens als eine in uns existierende Form, wie Gesundheit oder Wissen; zweitens als etwas von uns Getanes, wie ein Baumeister sein Ziel durch den Bau eines Hauses erreicht; drittens als etwas Gutes, das von uns besessen oder erworben wird, wie der Käufer eines Feldes sein Ziel erreicht, wenn er in dessen Besitz gelangt. Daher hindert nichts daran, dass etwas außerhalb des Universums das Gut ist, auf das es ausgerichtet ist.
Antwort auf Einwand 2: Der Philosoph spricht von den Zielen verschiedener Künste; denn das Ziel mancher Künste besteht in der Tätigkeit selbst, wie das Ziel eines Harfenspielers das Harfenspielen ist; wohingegen das Ziel anderer Künste in etwas Hervorgebrachtem besteht, wie das Ziel eines Baumeisters nicht der Akt des Bauens ist, sondern das Haus, das er baut. Nun kann es geschehen, dass etwas Äußeres das Ziel ist, nicht nur als gemacht, sondern auch als besessen oder erworben oder sogar als dargestellt, als ob wir sagen würden, dass Herkules das Ziel der Statue ist, die gemacht wurde, um ihn darzustellen. Deshalb können wir sagen, dass irgendein Gut außerhalb des gesamten Universums das Ziel der Regierung des Universums ist, als etwas Besessenes und Dargestelltes; denn jedes Ding strebt nach einer Teilhabe daran und nach einer Ähnlichkeit damit, soweit es möglich ist.
Antwort auf Einwand 3: Ein im Universum existierendes Gut, nämlich die Ordnung des Universums, ist ein Ziel desselben; dieses ist jedoch nicht sein letztes Ziel, sondern ist auf das äußere Gut als auf das Ziel hingeordnet: so wie die Ordnung in einer Armee auf den Feldherrn hingeordnet ist, wie in Metaph. xii, Did. xi, 10 dargelegt wird.