I, q. 1 a. 9
Ob die Heilige Schrift Metaphern gebrauchen darf?
Quaestio 1 · Wesen und Umfang der heiligen Lehre
Einwand 1: Es scheint, dass die Heilige Schrift keine Metaphern gebrauchen sollte. Denn das, was der niedrigsten Wissenschaft eigen ist, scheint dieser Wissenschaft nicht zu geziemen, die den höchsten Platz von allen einnimmt. Aber mit Hilfe verschiedener Gleichnisse und Figuren vorzugehen, ist der Dichtkunst eigen, der geringsten aller Wissenschaften. Daher ist es nicht passend, dass diese Wissenschaft sich solcher Gleichnisse bedient.
Einwand 2: Ferner scheint diese Lehre dazu bestimmt zu sein, die Wahrheit klarzumachen. Daher wird denen ein Lohn in Aussicht gestellt, die sie offenbaren: „Die mich erklären, werden das ewige Leben haben“ (Sir 24,31). Aber durch solche Gleichnisse wird die Wahrheit verdunkelt. Daher geziemt es dieser Wissenschaft nicht, göttliche Wahrheiten vorzubringen, indem sie sie körperlichen Dingen vergleicht.
Einwand 3: Ferner, je höher Geschöpfe sind, desto näher kommen sie der göttlichen Ähnlichkeit. Wenn daher irgendein Geschöpf genommen wird, um Gott darzustellen, sollte diese Darstellung hauptsächlich von den höheren Geschöpfen genommen werden und nicht von den niedrigeren; doch wird dies oft in der Schrift gefunden.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Hos 12,10): „Ich habe Visionen vervielfältigt, und ich habe Gleichnisse gebraucht durch den Dienst der Propheten.“ Aber etwas mittels Gleichnissen vorzubringen, heißt Metaphern zu gebrauchen. Daher darf diese heilige Wissenschaft Metaphern gebrauchen.
Ich antworte darauf, dass es der Heiligen Schrift geziemt, göttliche und geistliche Wahrheiten mittels Vergleichen mit materiellen Dingen vorzubringen. Denn Gott sorgt für alles gemäß der Fassungskraft seiner Natur. Nun ist es dem Menschen natürlich, zu intellektuellen Wahrheiten durch sinnliche Objekte zu gelangen, weil all unsere Erkenntnis vom Sinn ausgeht. Daher werden in der Heiligen Schrift geistliche Wahrheiten passenderweise unter dem Bild materieller Dinge gelehrt. Dies ist, was Dionysius sagt (Coel. Hier. I): „Wir können nicht von den göttlichen Strahlen erleuchtet werden, außer sie seien verborgen unter der Hülle vieler heiliger Schleier.“ Es geziemt auch der Heiligen Schrift, die allen ohne Ansehen der Person vorgelegt wird – „Den Weisen und den Unweisen bin ich ein Schuldner“ (Röm 1,14) –, dass geistliche Wahrheiten mittels Figuren ausgelegt werden, die von körperlichen Dingen genommen sind, damit dadurch selbst die Einfachen, die unfähig sind, von sich aus intellektuelle Dinge zu erfassen, fähig sein mögen, es zu verstehen.
Antwort auf Einwand 1: Die Dichtkunst bedient sich der Metaphern, um eine Darstellung zu erzeugen, denn es ist dem Menschen natürlich, an Darstellungen Gefallen zu finden. Aber die heilige Lehre bedient sich der Metaphern als sowohl notwendig als auch nützlich.
Antwort auf Einwand 2: Der Strahl der göttlichen Offenbarung wird nicht durch die sinnliche Bildersprache ausgelöscht, womit er verhüllt ist, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. I); und seine Wahrheit bleibt insoweit bestehen, dass sie den Geist derer, denen die Offenbarung gemacht wurde, nicht in den Metaphern ruhen lässt, sondern sie zur Erkenntnis der Wahrheiten erhebt; und durch jene, denen die Offenbarung gemacht wurde, können auch andere in diesen Dingen Unterweisung empfangen. Daher werden jene Dinge, die in einem Teil der Schrift metaphorisch gelehrt werden, in anderen Teilen offener gelehrt. Das Verbergen der Wahrheit in Figuren ist nützlich für die Übung nachdenklicher Geister und als Verteidigung gegen den Spott der Gottlosen, gemäß den Worten: „Gebt das Heilige nicht den Hunden“ (Mt 7,6).
Antwort auf Einwand 3: Wie Dionysius sagt (Coel. Hier. I), ist es passender, dass göttliche Wahrheiten unter der Figur weniger edler als edlerer Körper ausgelegt werden, und dies aus drei Gründen. Erstens, weil dadurch der Geist der Menschen besser vor Irrtum bewahrt wird. Denn dann ist es klar, dass diese Dinge keine wörtlichen Beschreibungen göttlicher Wahrheiten sind, was zweifelhaft hätte sein können, wären sie unter der Figur edlerer Körper ausgedrückt worden, besonders für jene, die an nichts Edleres als Körper denken konnten. Zweitens, weil dies der Erkenntnis Gottes angemessener ist, die wir in diesem Leben haben. Denn was Er nicht ist, ist uns klarer als was Er ist. Daher bilden Gleichnisse, die von Dingen genommen sind, die am weitesten von Gott entfernt sind, in uns eine wahrere Einschätzung, dass Gott über allem ist, was wir von Ihm sagen oder denken mögen. Drittens, weil dadurch göttliche Wahrheiten besser vor den Unwürdigen verborgen werden.