I, q. 1 a. 4
Ob die heilige Lehre eine praktische Wissenschaft ist?
Quaestio 1 · Wesen und Umfang der heiligen Lehre
Einwand 1: Es scheint, dass die heilige Lehre eine praktische Wissenschaft ist; denn eine praktische Wissenschaft ist jene, die im Handeln endet, gemäß dem Philosophen (Metaph. II). Aber die heilige Lehre ist auf das Handeln hingeordnet: „Seid aber Täter des Wortes und nicht nur Hörer“ (Jak 1,22). Daher ist die heilige Lehre eine praktische Wissenschaft.
Einwand 2: Ferner wird die heilige Lehre in das Alte und das Neue Gesetz eingeteilt. Gesetz aber impliziert eine moralische Wissenschaft, welche eine praktische Wissenschaft ist. Daher ist die heilige Lehre eine praktische Wissenschaft.
Dagegen spricht: Jede praktische Wissenschaft befasst sich mit menschlichen Handlungen; wie die Moralphilosophie sich mit menschlichen Akten befasst und die Architektur mit Gebäuden. Aber die heilige Lehre befasst sich hauptsächlich mit Gott, dessen Werk insbesondere der Mensch ist. Daher ist sie keine praktische, sondern eine spekulative Wissenschaft.
Ich antworte darauf, dass die heilige Lehre, da sie eins ist, sich auf Dinge erstreckt, die zu verschiedenen philosophischen Wissenschaften gehören, weil sie in jedem denselben formalen Aspekt betrachtet, nämlich insoweit sie durch göttliche Offenbarung erkannt werden können. Daher, obwohl unter den philosophischen Wissenschaften eine spekulativ und eine andere praktisch ist, schließt die heilige Lehre dennoch beide ein; wie Gott durch ein und dieselbe Wissenschaft sowohl Sich selbst als auch Seine Werke erkennt. Dennoch ist sie eher spekulativ als praktisch, weil sie sich mehr mit göttlichen Dingen befasst als mit menschlichen Handlungen; obwohl sie auch von letzteren handelt, insofern der Mensch durch sie zur vollkommenen Erkenntnis Gottes hingeordnet wird, worin die ewige Seligkeit besteht. Dies ist eine hinreichende Antwort auf die Einwände.