I, q. 1 a. 1
Ob außer der Philosophie noch eine weitere Lehre erforderlich ist?
Quaestio 1 · Wesen und Umfang der heiligen Lehre
Einwand 1: Es scheint, dass wir außer der philosophischen Wissenschaft keiner weiteren Erkenntnis bedürfen. Denn der Mensch soll nicht danach trachten, das zu wissen, was über der Vernunft ist: „Suche nicht, was über dir ist“ (Sir 3,22). Was aber nicht über der Vernunft ist, wird in der philosophischen Wissenschaft vollständig abgehandelt. Daher ist jede andere Erkenntnis außer der philosophischen Wissenschaft überflüssig.
Einwand 2: Ferner kann sich Erkenntnis nur auf das Seiende beziehen, denn nichts kann gewusst werden, außer dem Wahren; und alles, was ist, ist wahr. Aber alles, was ist, wird in der philosophischen Wissenschaft abgehandelt – sogar Gott selbst; so dass es einen Teil der Philosophie gibt, der Theologie oder göttliche Wissenschaft genannt wird, wie Aristoteles bewiesen hat (Metaph. VI). Daher bedarf es außer der philosophischen Wissenschaft keiner weiteren Erkenntnis.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (2 Tim 3,16): „Alle von Gott eingegebene Schrift ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.“ Nun ist aber die von Gott eingegebene Schrift kein Teil der philosophischen Wissenschaft, welche durch menschliche Vernunft aufgebaut wurde. Daher ist es nützlich, dass es außer der philosophischen Wissenschaft noch eine andere Wissenschaft gebe, nämlich die von Gott eingegebene.
Ich antworte darauf, dass es für das Heil des Menschen notwendig war, dass es eine durch Gott offenbarte Erkenntnis gäbe, außer der philosophischen Wissenschaft, die durch menschliche Vernunft aufgebaut ist. Erstens nämlich, weil der Mensch auf Gott hingeordnet ist als auf ein Ziel, das die Fassungskraft seiner Vernunft übersteigt: „Das Auge hat es nicht gesehen, o Gott, außer Dir, was Du denen bereitet hast, die auf Dich harren“ (Jes 64,3). Das Ziel aber muss den Menschen, die ihre Gedanken und Handlungen auf das Ziel richten sollen, zuvor bekannt sein. Daher war es für das Heil des Menschen notwendig, dass ihm gewisse Wahrheiten, welche die menschliche Vernunft übersteigen, durch göttliche Offenbarung bekannt gemacht würden. Selbst in Bezug auf jene Wahrheiten über Gott, welche die menschliche Vernunft hätte entdecken können, war es notwendig, dass der Mensch durch eine göttliche Offenbarung unterwiesen würde; denn die Wahrheit über Gott, wie sie die Vernunft entdecken könnte, würde nur von wenigen, und dies erst nach langer Zeit und mit der Beimischung vieler Irrtümer erkannt werden. Das ganze Heil des Menschen aber, welches in Gott liegt, hängt von der Erkenntnis dieser Wahrheit ab. Damit also das Heil der Menschen geeigneter und sicherer bewirkt würde, war es notwendig, dass sie über göttliche Dinge durch göttliche Offenbarung belehrt würden. Es war daher notwendig, dass es außer der philosophischen Wissenschaft, die durch die Vernunft aufgebaut wird, eine heilige Wissenschaft gäbe, die durch Offenbarung erlernt wird.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl jene Dinge, die über das Wissen des Menschen hinausgehen, vom Menschen nicht durch seine Vernunft gesucht werden dürfen, müssen sie dennoch, sobald sie von Gott offenbart sind, durch den Glauben angenommen werden. Daher fährt der heilige Text fort: „Denn vieles ist dir gezeigt worden, was über das Verständnis des Menschen geht“ (Sir 3,25). Und darin besteht die heilige Wissenschaft.
Antwort auf Einwand 2: Die Wissenschaften unterscheiden sich gemäß der verschiedenen Mittel, durch welche die Erkenntnis erlangt wird. Denn der Astronom und der Physiker können beide dieselbe Schlussfolgerung beweisen: dass die Erde zum Beispiel rund ist; der Astronom mittels der Mathematik (d.h. von der Materie abstrahierend), der Physiker aber mittels der Materie selbst. Daher gibt es keinen Grund, warum jene Dinge, die in der philosophischen Wissenschaft gelernt werden können, insoweit sie durch die natürliche Vernunft erkannt werden können, uns nicht auch durch eine andere Wissenschaft gelehrt werden könnten, insoweit sie unter die Offenbarung fallen. Daher unterscheidet sich die Theologie, die zur heiligen Lehre gehört, der Art nach von jener Theologie, die ein Teil der Philosophie ist.