I, q. 1 a. 3
Ob die heilige Lehre *eine* Wissenschaft ist?
Quaestio 1 · Wesen und Umfang der heiligen Lehre
Einwand 1: Es scheint, dass die heilige Lehre nicht eine Wissenschaft ist; denn gemäß dem Philosophen (Poster. I) ist „jene Wissenschaft eine, die nur von einer Gattung von Gegenständen handelt“. Aber der Schöpfer und das Geschöpf, von denen beide in der heiligen Lehre gehandelt wird, können nicht unter einer Gattung von Gegenständen zusammengefasst werden. Daher ist die heilige Lehre nicht eine Wissenschaft.
Einwand 2: Ferner handeln wir in der heiligen Lehre von Engeln, körperlichen Geschöpfen und menschlicher Sittlichkeit. Diese aber gehören zu getrennten philosophischen Wissenschaften. Daher kann die heilige Lehre nicht eine Wissenschaft sein.
Dagegen spricht, dass die Heilige Schrift von ihr als von einer Wissenschaft spricht: „Die Weisheit gab ihm die Wissenschaft [scientiam] von den heiligen Dingen“ (Weish 10,10).
Ich antworte darauf, dass die heilige Lehre eine Wissenschaft ist. Die Einheit eines Vermögens oder Habitus ist nach seinem Objekt zu bemessen, nicht zwar in dessen materieller Hinsicht, sondern in Bezug auf die genaue Formalität, unter der es ein Objekt ist. Zum Beispiel stimmen Mensch, Esel, Stein in der einen genauen Formalität überein, farbig zu sein; und Farbe ist das Formalobjekt des Sehens. Weil daher die Heilige Schrift die Dinge genau unter der Formalität betrachtet, dass sie göttlich offenbart sind, besitzt alles, was göttlich offenbart wurde, die eine genaue Formalität des Objekts dieser Wissenschaft; und daher ist es unter der heiligen Lehre als unter einer Wissenschaft eingeschlossen.
Antwort auf Einwand 1: Die heilige Lehre handelt nicht gleichermaßen von Gott und den Geschöpfen, sondern von Gott primär, und von den Geschöpfen nur insoweit, als sie auf Gott als ihren Anfang oder ihr Ziel beziehbar sind. Daher wird die Einheit dieser Wissenschaft nicht beeinträchtigt.
Antwort auf Einwand 2: Nichts hindert daran, dass untergeordnete Vermögen oder Habitus durch etwas unterschieden werden, das auch unter ein höheres Vermögen oder einen höheren Habitus fällt; weil das höhere Vermögen oder der höhere Habitus das Objekt in seiner universelleren Formalität betrachtet, wie das Objekt des „Gemeinsinns“ alles ist, was die Sinne affiziert, also alles Sichtbare oder Hörbare einschließt. Daher erstreckt sich der „Gemeinsinn“, obwohl er ein Vermögen ist, auf alle Objekte der fünf Sinne. Ähnlich können Objekte, die Gegenstand verschiedener philosophischer Wissenschaften sind, dennoch von dieser einen einzigen heiligen Wissenschaft unter einem Aspekt behandelt werden, nämlich genau insoweit, als sie in der Offenbarung eingeschlossen sein können. So dass auf diese Weise die heilige Lehre gleichsam das Gepräge der göttlichen Wissenschaft trägt, die eins und einfach ist, sich aber dennoch auf alles erstreckt.