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Es gibt eine Angst, die fast niemand laut ausspricht, weil sie sich so beschämend anfühlt: die Angst, von Gott selbst verlassen zu sein. Nicht nur von Menschen, nicht nur vom Glück, sondern von Ihm. Von dem, der alles trägt.

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Es mag zunächst paradox klingen, aber die Angst vor der Gottesferne ist in sich selbst kein schlechtes Zeichen. Im Gegenteil: Wer Angst hat, Gott zu verlieren, der weiß bereits – tief im Innern –, dass Gott das höchste Gut ist. Man kann nur das verlieren fürchten, was man als unersetzbar erkannt hat.
Der Mensch, der gleichgültig geworden ist, hat diese Angst nicht mehr. Der Mensch, der sie noch spürt, trägt in ihr noch einen lebendigen Rest des Glaubens – vielleicht den letzten Funken, aber einen echten.
Thomas von Aquin lehrt, dass die Seele von Natur aus auf Gott als ihr letztes Ziel hingeordnet ist (vgl. Summa Theologiae I–II, q. 1, a. 8). Wenn sie sich von diesem Ziel entfernt fühlt, leidet sie – und dieses Leiden ist der Beweis, dass die Hinordnung noch lebt. Ein Kompass, der nicht mehr auf Norden zeigt, leidet nicht. Die leidende Seele sucht noch.
Wir neigen dazu, Gottes Treue wie ein menschliches Versprechen zu verstehen: etwas, das eingehalten werden kann, aber auch gebrochen werden könnte. Doch Gottes Treue ist anders. Sie gehört zu seinem Wesen.
Der hl. Paulus schreibt:
„Wenn wir untreu sind – er bleibt treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen." (2 Tim 2,13)
Gott kann dich nicht verlassen, ohne sich selbst zu verleugnen. Das ist keine Schönrederei – das ist Theologie. Seine Gegenwart hängt nicht von deinen Gefühlen ab, nicht von deiner Verfassung, nicht davon, ob du ihn gerade spürst oder nicht.
Thomas von Aquin hält fest: Gott ist in allen Dingen durch Sein, Macht und Gegenwart (ST I, q. 8, a. 3). Er trägt dich im Sein, in diesem Augenblick, auch wenn du es nicht erlebst. Seine Gegenwart ist keine Stimmung. Sie ist ontologische Wirklichkeit.
Es gibt ein Bild, das Christus selbst gewählt hat, um dieses Verhältnis zu beschreiben: Vater und Kind. Nicht Herr und Diener, nicht Richter und Angeklagter – Vater und Kind.
Ein Vater, der sein Kind in der Dunkelheit weinen hört, läuft nicht weg. Er geht hin. Gott weiß, bevor du es weißt, dass du seine Hilfe brauchst. Und in der Anerkennung dieser Bedürftigkeit – im Eingeständnis „Ich brauche ihn" – liegt bereits die Öffnung, durch die er eintreten kann.
„Der Herr ist nahe denen, die gebrochenen Herzens sind, und hilft denen, die zerschlagenen Geistes sind." (Ps 34,19)
Das Gefühl der Ferne ist real. Aber Gefühl und Wirklichkeit sind nicht dasselbe. Christus am Kreuz rief: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Mt 27,46) – und war dennoch niemals näher am Vater als in diesem Moment. Die dunkelste Erfahrung der Menschheitsgeschichte war zugleich der Ort der tiefsten Gemeinschaft mit Gott.
Die menschliche Erschöpfung ist real. Es gibt Momente, in denen man nicht mehr beten kann, nicht mehr glauben kann, nicht mehr aufstehen kann. Das ist keine Schwäche, die behoben werden muss, bevor man zu Gott kommen darf. Es ist der Zustand, in dem Gott besonders wirkt.
Der hl. Paulus schreibt aus eigener Erfahrung tiefer Schwäche:
„Meine Kraft kommt zur Vollendung in der Schwachheit." (2 Kor 12,9)
Nicht: „Überwinde die Schwäche, dann komme ich." Sondern: In der Schwäche ist er wirksam. Was du nicht mehr kannst, übernimmt er – wenn du ihm den Raum lässt, es zu tun. Das geschieht im einfachsten Gebet, das es gibt: „Herr, ich kann nicht mehr. Hilf mir."
Der Psalmist hat vor Jahrtausenden ausgesprochen, was viele heute empfinden – und seine Worte haben nichts von ihrer Kraft verloren:
„Wäre nicht der Herr meine Hilfe, bald würde meine Seele wohnen im Schweigen. Wenn ich sage: Mein Fuß gleitet aus, dann stützt mich, Herr, deine Huld. Mehren sich die Sorgen in meinem Innern, so erquicken deine Tröstungen meine Seele." (Ps 94,17–19)
Du bist nicht verlassen. Die Angst, die du trägst, ist kein Beweis seiner Abwesenheit. Sie ist – wenn du hinschaust – ein Zeichen, dass du ihn noch suchst. Und wer sucht, dem hat er versprochen, gefunden zu werden.
„Suchet, und ihr werdet finden." (Mt 7,7)
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