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Ist Kleinmut eine Sünde? Thomas von Aquin diskutiert vier Einwände, wonach Kleinmut tugendhaft oder harmlos sei. Doch die Antwort ist klar: Wer hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, verstößt gegen die Natur und sündigt.
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Einwand 1: Es scheint, dass der Kleinmut keine Sünde ist. Denn jede Sünde macht den Menschen böse, so wie jede Tugend den Menschen gut macht. Der Kleinmütige aber ist nicht böse, wie der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3). Also ist der Kleinmut keine Sünde.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. iv, 3), dass „ein Kleinmütiger vor allem jener ist, der großer Güter würdig ist, sich ihrer aber nicht für würdig hält.“ Nun ist niemand großer Güter würdig außer dem Tugendhaften, da, wie der Philosoph wiederum sagt (Ethic. iv, 3), „niemand außer dem Tugendhaften wahrhaft der Ehre würdig ist.“ Also sind die Kleinmütigen tugendhaft: und folglich ist der Kleinmut keine Sünde.
Einwand 3: Ferner ist „der Stolz der Anfang aller Sünde“ (Sir 10,15). Der Kleinmut aber geht nicht aus dem Stolz hervor, da der Stolze sich über das erhebt, was er ist, während der Kleinmütige sich von den Dingen zurückzieht, deren er würdig ist. Also ist der Kleinmut keine Sünde.
Einwand 4: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. iv, 3), dass „wer sich für weniger würdig hält, als er ist, kleinmütig genannt wird.“ Nun halten sich zuweilen heilige Männer für weniger würdig, als sie sind; zum Beispiel Moses und Jeremias, die des Amtes würdig waren, für das Gott sie erwählt hatte, welches sie beide jedoch demütig ablehnten (Ex 3,11; Jer 1,6). Also ist der Kleinmut keine Sünde.
Dagegen spricht, dass im menschlichen Verhalten nichts zu meiden ist außer der Sünde. Der Kleinmut aber ist zu meiden; denn es steht geschrieben (Kol 3,21): „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Unwillen, damit sie nicht kleinmütig werden.“ Also ist der Kleinmut eine Sünde.
Ich antworte darauf, dass alles, was einer natürlichen Neigung zuwiderläuft, eine Sünde ist, weil es dem Gesetz der Natur widerspricht. Nun hat jedes Ding eine natürliche Neigung, eine Handlung zu vollbringen, die seinem Vermögen entspricht: wie es bei allen natürlichen Dingen offensichtlich ist, seien sie beseelt oder unbeseelt. Wie nun die Vermessenheit den Menschen dazu bringt, das zu überschreiten, was seinem Vermögen angemessen ist, indem er danach strebt, mehr zu tun, als er kann, so bringt der Kleinmut den Menschen dazu, hinter dem zurückzubleiben, was seinem Vermögen angemessen ist, indem er sich weigert, nach dem zu streben, was diesem entspricht. Daher ist der Kleinmut ebenso eine Sünde wie die Vermessenheit. Deshalb wurde jener Knecht, der das Geld, das er von seinem Herrn erhalten hatte, in der Erde vergrub und aus kleinmütiger Furcht nicht damit handelte, von seinem Herrn bestraft (Mt 25; Lk 19).
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph nennt jene böse, die ihrem Nächsten schaden: und dementsprechend wird gesagt, der Kleinmütige sei nicht böse, weil er niemandem schadet, außer akzidentell, indem er unterlässt, was anderen nützlich sein könnte. Denn Gregor sagt (Pastoral. i), dass, wenn „jene, die zögern, ihrem Nächsten durch Predigen Gutes zu tun, streng gerichtet werden, ihre Schuld zweifellos dem Guten entspricht, das sie hätten tun können, wären sie weniger zurückhaltend gewesen.“
Antwort auf Einwand 2: Nichts hindert eine Person, die einen Tugendhabitus besitzt, daran, lässlich zu sündigen, ohne den Habitus zu verlieren, oder tödlich und mit Verlust des Habitus der eingegossenen Tugend. Daher ist es möglich, dass ein Mensch aufgrund der Tugend, die er besitzt, würdig ist, gewisse große Dinge zu tun, die großer Ehre würdig sind, und dennoch sündigt er, indem er nicht versucht, von seiner Tugend Gebrauch zu machen, manchmal lässlich, manchmal tödlich.
Wiederum kann geantwortet werden, dass der Kleinmütige großer Dinge würdig ist im Verhältnis zu seiner Befähigung zur Tugend, einer Befähigung, die er entweder aus einer guten natürlichen Veranlagung oder aus der Wissenschaft oder aus äußerem Glück ableitet; und wenn er es versäumt, diese Dinge für die Tugend zu nutzen, macht er sich des Kleinmuts schuldig.
Antwort auf Einwand 3: Auch der Kleinmut kann in gewisser Weise das Ergebnis von Stolz sein: wenn nämlich ein Mensch zu sehr an seiner eigenen Meinung hängt, wodurch er sich für unfähig zu jenen Dingen hält, zu denen er fähig ist. Daher steht geschrieben (Spr 26,16): „Der Faule dünkt sich weiser als sieben, die Sätze sprechen.“ Denn nichts hindert ihn daran, sich in einigen Dingen geringzuschätzen und in anderen eine hohe Meinung von sich zu haben. Weshalb Gregor (Pastoral. i) von Moses sagt, dass „er vielleicht stolz gewesen wäre, hätte er die Führung eines zahlreichen Volkes ohne Bedenken übernommen: und wiederum wäre er stolz gewesen, hätte er sich geweigert, dem Befehl seines Schöpfers zu gehorchen.“
Antwort auf Einwand 4: Moses und Jeremias waren des Amtes würdig, zu dem sie von Gott bestimmt waren, aber ihre Würdigkeit war aus göttlicher Gnade: sie jedoch, die Unzulänglichkeit ihrer eigenen Schwachheit bedenkend, zögerten; doch nicht hartnäckig, damit sie nicht in Stolz verfielen.
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