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Liguori lehrte, dass das Gewissen (conscientia) die unmittelbare Norm menschlichen Handelns sei. In seiner Theologia Moralis unterschied er verschiedene Typen des Gewissens und machte deutlich, dass weder ein zu weit noch ein zu eng geformtes Gewissen zur Heiligkeit führt:
„Conscientia est iudicium practicum de bonitate vel malitia actionis humanae, quod mens fert in ordine ad actum exercendum vel omittendum."
„Das Gewissen ist das praktische Urteil über die Gut- oder Schlechtheit einer menschlichen Handlung, das der Verstand fällt, um eine Tat auszuführen oder zu unterlassen."
— Alphonsus de Liguori, Theologia Moralis, Lib. I, Tract. I, n. 1 (1748)
Auf dieser Grundlage beschrieb er zwei pathologische Abweichungen, die das Gewissen in entgegengesetzte Extreme treiben.
Der Laxismus (laxismus) bezeichnet jene moraltheologische Haltung, die das Gewissen übermäßig weit fasst: Sie tendiert dazu, Sünden zu verharmlosen, moralische Verpflichtungen zu minimieren und jede noch so schwache Wahrscheinlichkeit einer Erlaubnis als hinreichenden Grund zu akzeptieren, von einem Gebot abzuweichen. Historisch war der Laxismus im 17. Jahrhundert verbreitet und wurde 1665 und 1679 durch päpstliche Verurteilungen unter Alexander VII. und Innozenz XI. zurückgewiesen.
Liguori, der selbst als junger Priester und Jurist die Praxis dieser Tendenzen beobachtet hatte, beschrieb den Laxisten als jemanden, der die Freiheit des Willens benutzt, um sich jeder Bindung zu entziehen:
„Laxismus est vitium, quo quis nimia facilitate sibi suisque persuadet licitum esse id quod lege prohibetur, dum quamlibet opinionem probabilem sequitur, etiamsi improbabilior sit."
„Laxismus ist das Laster, durch das jemand mit übermäßiger Leichtigkeit sich selbst und anderen einredet, erlaubt sei, was das Gesetz verbietet, indem er jede beliebige wahrscheinliche Meinung befolgt, auch wenn sie weniger wahrscheinlich ist."
— Alphonsus de Liguori, Theologia Moralis, Lib. I, Tract. II, n. 44 (1748)
Der Laxist leidet an einer Blindheit gegenüber der Schwere der Sünde. Er beruhigt sein Gewissen durch schwache Argumente und verleitet andere — insbesondere als Beichtvater — zu einem falschen Sicherheitsgefühl. Liguori schrieb über die Gefahr des laxen Beichtvaters:
„Confessarius laxus non est pater misericors, sed pater perditionis; non sanat vulnera, sed ea occultat et aggravat."
„Der laxe Beichtvater ist kein barmherziger Vater, sondern ein Vater des Verderbens; er heilt die Wunden nicht, sondern verbirgt und verschlimmert sie."
— Alphonsus de Liguori, Praxis Confessarii, Cap. I, n. 5 (1755)
Das entgegengesetzte Extrem ist die Skrupulanz (scrupulositas) oder der Skrupulantismus. Ein Skrupel — das Wort kommt vom lateinischen scrupulus, dem kleinen, spitzen Stein im Schuh — bezeichnet einen quälenden, irrationalen Gewissenszweifel, der den Menschen überzeugt, gesündigt zu haben, wo keine Sünde vorliegt, oder der ihn in Unschlüssigkeit lähmt, obwohl kein hinreichender Grund zum Zweifeln besteht.
Liguori definierte das skrupulöse Gewissen mit bemerkenswerter Präzision:
„Scrupulus est iudicium, seu potius timor, quo quis sine rationabili fundamento credit vel timet se peccare in his quae non sunt peccata, aut ea quae sunt venialia reputat mortalia."
„Der Skrupel ist ein Urteil oder vielmehr eine Furcht, durch die jemand ohne vernünftigen Grund glaubt oder befürchtet zu sündigen in Dingen, die keine Sünde sind, oder das, was lässliche Sünde ist, für Todsünde hält."
— Alphonsus de Liguori, Theologia Moralis, Lib. VI, n. 463 (1755)
Die Skrupulanz ist damit nicht Ausdruck einer besonders feinen Seele oder einer tiefen Frömmigkeit — wie manche irrtümlich meinten —, sondern eine Störung des Gewissens, die Liguori ebenso ernst nahm wie den Laxismus. Er beschrieb ihre Erscheinungsformen:
„Scrupulosi sunt, qui in omni fere actione timent peccatum, dubitant de integritate confessionis praeteritae, anxie examinant actus suos, ac saepe nihil determinare possunt ob metum errandi."
„Skrupulöse Personen sind jene, die bei fast jeder Handlung Sünde befürchten, die Vollständigkeit früherer Beichten bezweifeln, ihre Handlungen ängstlich prüfen und oft nichts entscheiden können aus Angst, einen Fehler zu machen."
— Alphonsus de Liguori, Theologia Moralis, Lib. VI, n. 464 (1755)
Liguori unterschied mehrere Ursachen für die Entstehung skrupulöser Gewissen. In seiner Praxis Confessarii nannte er unter anderem eine übermäßig strenge religiöse Erziehung, natürliche Melancholie und eine falsche Vorstellung von Gottes Gerechtigkeit, die die Barmherzigkeit verdrängt. Besonders warnte er vor Predigern und Beichtvätern, die durch rigoristische Überstrenge ihre Pfarrkinder in die Skrupulanz trieben:
„Multi ex nimia confessariorum severitate, qui omnia sub gravi obligatione praedicant, in scrupulos incidunt et quandoque in desperationem."
„Viele verfallen durch die übermäßige Strenge der Beichtväter, die alles als schwere Verpflichtung predigen, in Skrupel und bisweilen in Verzweiflung."
— Alphonsus de Liguori, Praxis Confessarii, Cap. X, n. 123 (1755)
Liguori erkannte in der jansenistischen Bewegung — die die Verweigerung der Absolution zur Regel und die Sakramente zur seltenen Ausnahme erhob — eine der Hauptquellen des kirchlichen Rigorismus seiner Zeit. Der Jansenismus lehrte, dass die Gnade wenigen vorbehalten sei und die meisten Menschen verdammt; eine Theologie, die zwangsläufig Angst und Skrupulanz erzeugte. Liguori schrieb dagegen an und betonte die universale Heilswilligkeit Gottes.
Um beide Extreme zu überwinden, entwickelte Liguori seine eigene moraltheologische Methode: den Äquiprobabilismus (aequiprobabilismus). Diese Lehre befasst sich mit der Frage: Was darf ein Mensch tun, wenn sein Gewissen unsicher ist — wenn also unklar ist, ob eine Handlung erlaubt oder verboten ist?
| Haltung | Prinzip |
|---|---|
| Laxismus | Jede, auch die schwächste wahrscheinliche Meinung reicht aus, um vom Gesetz abzuweichen. Freiheit hat fast immer Vorrang — auch gegen klar überwiegende Gründe. |
| Rigorismus / Skrupulantismus | Das Gesetz hat immer Vorrang, solange nicht absolute Gewissheit über die Erlaubnis besteht. Jeder Zweifel bindet — auch irrationaler. |
| Äquiprobabilismus (Liguori) | Wenn die Wahrscheinlichkeit für die Freiheit mindestens gleich groß ist wie die für das Gesetz, darf man der Freiheit folgen. Ist sie deutlich geringer, muss das Gesetz befolgt werden. |
Liguori selbst fasste das Prinzip seines Äquiprobabilismus so zusammen:
„Quando adsunt duae opiniones, una pro lege, altera pro libertate, et haec est aeque probabilis ac illa, licet sequi opinionem pro libertate."
„Wenn zwei Meinungen vorhanden sind, eine für das Gesetz, eine andere für die Freiheit, und diese [letztere] ist ebenso wahrscheinlich wie jene, ist es erlaubt, der Meinung für die Freiheit zu folgen."
— Alphonsus de Liguori, Theologia Moralis, Lib. I, Tract. II, n. 55 (1748)
Dieser Mittelweg war sowohl eine Absage an den Laxisten, der jede schwache Möglichkeit zur Entschuldigung benutzte, als auch an den Rigoristen, der dem Menschen keine Freiheit ließ. Liguori bestand darauf, dass Gott keine irrationalen Verpflichtungen auferlegt und dass ein vernünftiger Zweifel die moralische Bindung lockert — aber kein unvernünftiger.
Eines der praktischsten Kapitel seiner Schriften widmete Liguori dem konkreten Umgang mit skrupulösen Beichtkindern. Seine Ratschläge in der Praxis Confessarii sind detailliert und zeigen sein pastorales Feingefühl:
„Confessarius cum scrupulosis ita agere debet: primo, eos docere discernere inter scrupulum et peccatum; secundo, eos iubere ne iis scrupulis obediant; tertio, eis praecipere ne actus suos nimis examinent."
„Der Beichtvater soll mit Skrupulösen folgendermaßen verfahren: erstens soll er sie lehren, zwischen Skrupel und Sünde zu unterscheiden; zweitens soll er ihnen befehlen, diesen Skrupeln nicht zu gehorchen; drittens soll er ihnen auferlegen, ihre Handlungen nicht übermäßig zu prüfen."
— Alphonsus de Liguori, Praxis Confessarii, Cap. X, n. 125 (1755)
Bemerkenswert ist der Befehlscharakter: Liguori empfahl dem Beichtvater nicht bloß sanftes Zureden, sondern explizite Anweisungen — denn die skrupulöse Person kann sich oft nicht selbst aus dem Kreis der Zweifel befreien und braucht eine externe Autorität, der sie vertrauen und gehorchen kann:
„Scrupulosus tractandus est non ut liber, sed ut infirmus; ei imperanda sunt remedia, non suadenda."
„Der Skrupulöse ist nicht als Freier zu behandeln, sondern als Kranker; ihm sind Heilmittel zu befehlen, nicht zu empfehlen."
— Alphonsus de Liguori, Praxis Confessarii, Cap. X, n. 127 (1755)
Liguoris Moraltheologie war zu seinen Lebzeiten umstritten — von Jansenisten angefeindet, von manchen Zeitgenossen als zu milde beurteilt. Doch die Kirche bestätigte schließlich seinen Weg. Papst Pius VI. erklärte 1793, dass in Liguoris Schriften nichts zu tadeln sei. Papst Pius IX. erhob ihn 1871 zum Kirchenlehrer, und Papst Pius XII. ernannte ihn 1950 zum Schutzpatron der Moraltheologen und Beichtväter.
„In omnibus Alphonsi scriptis nihil censura dignum reperitur."
„In allen Schriften des Alphonsus findet sich nichts, was der Zensur würdig wäre."
— Kongregation für die Glaubenslehre, Dekret von 1793, auf Geheiß Papst Pius' VI.
Liguoris Unterscheidung zwischen Laxismus und Skrupulantismus bleibt grundlegend — nicht nur für die Sakramentenpastoral, sondern für das christliche Gewissensleben überhaupt. Ein Gewissen, das alles erlaubt, ist kein Gewissen mehr. Ein Gewissen, das alles verbietet, ist eine Falle. Der Weg liegt in der Wahrhaftigkeit: im Ernstnehmen des Gesetzes Gottes ohne Verhöhnung und im Ernstnehmen der Barmherzigkeit Gottes ohne Gleichgültigkeit.
„Deus non vult mortem peccatoris, sed ut convertatur et vivat. Hoc est fundamentum omnis moralis theologiae sanae."
„Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe. Dies ist das Fundament jeder gesunden Moraltheologie."
— Alphonsus de Liguori, Homo Apostolicus, Tract. VIII, n. 1 (1759), mit Bezug auf Ez 33,11
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