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So ist nun darüberhinaus deutlich, daß die Himmelskörper weder die Ursache unseres Willens noch die unserer Entscheidungen sind. Unser Wille gehört nämlich zum vernünftigen Teil der Seele, wie bei Aristoteles im dritten Buch Über die Seele ersichtlich ist. Wenn die Himmelskörper also nicht unmittelbar auf unseren Verstand einwirken können, wie (im vorigen Kapitel) dargelegt worden ist, werden sie auch nicht auf unseren Willen unmittelbar einwirken können.
Weiter. Jede Entscheidung, jeder Willensakt wird in uns unmittelbar vom geistigen Erfassen verursacht: denn der Gegenstand des Willens ist das erkannte Gute, wie im dritten Buch Über die Seele ersichtlich ist; und deshalb kann es zu einer verkehrten Entscheidung nur kommen, wenn das Urteil des Verstandes bei einem besonderen Entscheidungsfall fehlgeht, wie bei Aristoteles im siebten Buch der Ethik ersichtlich ist. Die Himmelskörper sind aber nicht Ursache unseres Erkennens. Also können sie auch nicht Ursache unserer Entscheidung sein.
Ebenso. Alles, was sich infolge der Einwirkung der Himmelskörper in dieser unteren Sphäre hier ereignet, geschieht von Natur aus: denn diese unteren Dinge sind von Natur aus ihnen untergeordnet. Sollten sich also unsere Entscheidungen infolge der Einwirkung der Himmelskörper ereignen, müßten sie sich von Natur aus ereignen: der Mensch würde sich also von Natur aus entscheiden zu handeln, so wie Tiere aus natürlichem Instinkt tätig sind und unbelebte Körper sich von Natur aus bewegen. Vorsatz und Natur würden also nicht zwei (verschiedene) Wirkursachen sein, sondern nur eine, die Natur. Das Gegenteil davon aber ist bei Aristoteles im zweiten Buch der Physik ersichtlich.
Es ist also nicht wahr, daß unsere Entscheidungen aus der Einwirkung der Himmelskörper hervorgehen. Außerdem. Was von Natur aus geschieht, gelangt mit bestimmten Mitteln zum Ziel und geschieht daher immer auf dieselbe Weise: denn die Natur ist auf eine einzige Weise beschränkt. Die menschlichen Entscheidungen aber streben auf verschiedenen Wegen zum Ziel, im sittlichen wie im technischen Bereich. Also vollziehen sich die menschlichen Entscheidungen nicht von Natur aus.
Weiter. Was von Natur aus geschieht, geschieht meist richtig: denn die Natur geht nur im Ausnahmefall fehl. Wenn also der Mensch seine Entscheidungen von Natur aus träfe, wären sie in den meisten Fällen richtig. Dies ist offensichtlich falsch. Also entscheidet der Mensch nicht von Natur aus. Dies wäre (aber) notwendig so, wenn er durch die Einwirkung der Himmelskörper entschiede. Ebenso. Was von derselben Art ist, unterscheidet sich nicht in seinen natürlichen Tätigkeiten, die aus der Natur der Art folgen: darum baut jede Schwalbe auf gleiche Weise ihr Nest, und jeder Mensch erkennt auf gleiche Weise die ersten Prinzipien, die ihm von Natur aus bekannt sind. Die Entscheidung (zu einer Handlung) ist aber eine Tätigkeit, die (erst) beim Menschengeschlecht anzutreffen ist.
Wenn also der Mensch von Natur aus Entscheidungen träfe, würden notwendig alle Menschen auf dieselbe Weise entscheiden. Dies ist offensichtlich falsch, sowohl im sittlichen als auch im technischen Bereich.
Zudem. Die den Entscheidungen eigentümlichen Prinzipien sind die Tugenden und die Laster: denn der Tugendhafte und der Lasterhafte unterscheiden sich darin, daß sie sich für Entgegengesetztes entscheiden. Die staatsbürgerlichen Tugenden bzw. Laster nun haben wir nicht von Natur aus, sondern aus Gewöhnung. Das erweist Aristoteles im zweiten Buch der Ethik dadurch, daß wir zu solchen Tätigkeiten einen Habitus entwickeln, an die wir uns, vor allem von Kind an, gewöhnen. Also treffen wir unsere Entscheidungen nicht von Natur aus. Sie werden also nicht von einer Einwirkung der Himmelskörper verursacht, gemäß der die Dinge von Natur aus verlaufen. Zudem. Wie (im vorigen Kapitel) dargelegt wurde, wirken die Himmelskörper unmittelbar nur auf Körper ein. Sollten sie also die Ursache unserer Entscheidungen sein, dann wohl entweder, insofern sie auf unsere Körper oder aber auf unsere Außenwelt einwirken. Auf keine der beiden Weisen aber können sie in zureichendem Maße Ursache unserer Entscheidung sein.
Denn es ist keine zureichende Ursache unserer Entscheidung, daß uns irgendwelche Körperdinge äußerlich erscheinen: es ist ja ersichtlich, daß bei der Begegnung mit irgend etwas Reizendem, sei es eine Speise oder eine Frau, der Maßvolle nicht veranlaßt wird, es zu wählen; der Unmäßige aber wird (dazu) veranlaßt. Ebenso reicht auch keine Veränderung aus, die durch die Einwirkung eines Himmelskörpers in unserem Körper hervorgerufen werden kann: denn daher rühren nur die mehr oder weniger heftigen Leidenschaften in uns. Wie heftig aber auch immer: Leidenschaften sind keine zureichende Ursache einer Entscheidung, denn durch dieselben Leidenschaften wird der Unenthaltsame zu der Entscheidung verleitet, ihnen zu folgen, während der Enthaltsame nicht verleitet wird. Man kann also nicht sagen, die Himmelskörper seien Ursache unserer Entscheidungen. Weiter. Keine Fähigkeit wird einem Ding umsonst verliehen.
Der Mensch hat aber die Fähigkeit, über alles, was er bewirken kann, zu urteilen und sich zu beraten, ob er nun äußere Dinge gebraucht oder innere Leidenschaften zuläßt oder zurückdrängt. Dies wäre jedoch umsonst, wenn unsere Entscheidung von den Himmelskörpern verursacht würde und nicht in unserer Macht stände. Also sind die Himmelskörper nicht Ursache unserer Entscheidung. Außerdem. Der Mensch ist von Natur aus ein "politisches" oder "soziales Wesen" (Aristoteles). Dies ist auch daraus offenbar, daß ein einzelner Mensch sich nicht genügt, wenn er allein lebt, weil die Natur kaum ausreichend für den Menschen gesorgt hat: sie gab ihm die Vernunft, durch welche er sich zwar alles Lebensnotwendige wie Nahrung, Kleidung und anderes derartige zubereiten könnte; doch um dies alles zu tun, ist ein einziger Mensch nicht genug. Daher ist es dem Menschen von Natur aus eingegeben, in einer Gemeinschaft zu leben.
Die Ordnung der Vorsehung nimmt aber einem Ding nichts weg, was ihm naturgegeben ist, sondern sorgt vielmehr für ein jedes Ding nach seiner Natur, wie aus dem früher Gesagten (In 71) ersichtlich ist. Der Mensch ist also durch die Ordnung der Vorsehung nicht so angelegt, daß ihm das soziale Leben genommen wird. Es würde ihm aber genommen, wenn unsere Entscheidungen wie die natürlichen Instinkte der anderen Lebewesen aus den Einwirkungen der Himmelskörper hervorgingen. Umsonst würden auch die Gesetze und Vorschriften, wie man leben soll, erlassen, wenn der Mensch nicht Herr seiner Entscheidungen wäre. Und umsonst würden Strafen und Belohnungen für die Guten bzw. Bösen ausgeteilt, wenn nicht in uns die Entscheidung für dies oder jenes läge. Wenn dies aber aufhört (das Rechtssystem), wird sofort das soziale Leben zerstört. Der Mensch ist also nach der Ordnung der Vorsehung nicht so eingerichtet, daß seine Entscheidungen aus den Bewegungen der Himmelskörper hervorgehen.
Zudem. Die Entscheidungen der Menschen beziehen sich auf Gutes und Schlechtes. Wenn also unsere Entscheidungen aus den Bewegungen der Sterne hervorgingen, so würde folgen, daß die Sterne die Ursache an sich für die schlechten Entscheidungen wären. Was aber schlecht ist, hat seine Ursache nicht in der Natur: denn das Schlechte stellt sich aus dem Fehlen einer Ursache ein und hat keine Ursache an sich, wie oben dargelegt worden ist (In 4 ff.). Es ist also nicht möglich, daß unsere Entscheidungen unmittelbar und an sich aus den Himmelskörpern als Ursachen hervorgehen.
Es könnte nun jemand diesem Beweisgrund mit der Behauptung begegnen, jede schlechte Entscheidung gehe aus dem Streben nach etwas Gutem hervor, wie oben dargelegt worden ist (nI 5 f.): so geht die Entscheidung eines Ehebrechers aus dem Streben nach jenem reizenden Guten hervor, das in Liebesdingen winkt. Zu diesem allgemeinen Guten bewegt allerdings ein Stern, und es ist notwendig, um die Zeugung der Lebewesen zustande zu bringen: dieses gemeinsame Gute durfte nicht wegen des besonderen Schlechten desjenigen unterlassen werden, der auf diesen Anreiz hin das Schlechte wählt.
Diese Entgegnung ist aber nicht hinreichend, wenn (damit) behauptet werden sollte, die Himmelskörper seien Ursache an sich für unsere Entscheidungen, da sie ja (als Ursache) an sich auf Verstand und Willen einwirkten. Denn die Einwirkung einer allgemeinen Ursache wird in einem jeden Ding auf seine Weise aufgenommen. Also wird die Wirkung eines Sterns, der zu jener Lust drängt, die im Zeugungsakt liegt, in jedem (Lebewesen) auf die ihm eigene Weise aufgenommen werden: so beobachten wir, daß die verschiedenen Lebewesen ihre verschiedenen Zeiten und verschiedenen Weisen der Vereinigung haben, so wie es zu ihrer Natur paßt: Aristoteles sagt dies im Buch der Tierkunde. Verstand und Wille werden also die Einwirkung dieses Sterns auf ihre Weise aufnehmen. Wenn aber etwas auf die Weise des Verstandes und der Vernunft begehrt wird, so geschieht keine Sünde bei der Entscheidung, die allerdings immer noch da schlecht ist, wo sie nicht nach der richtigen Vernunft (erfolgt) ist.
Wenn also die Himmelskörper Ursache unserer Entscheidungen wären, so gäbe es bei uns niemals eine schlechte Entscheidung (zum Bösen). Weiter. Keine tätige Kraft erstreckt sich auf das, was über die Art und Natur des Tätigen hinausgeht: denn jedes Tätige ist nach seiner Form tätig. Aber das Wollen selbst übersteigt wie auch das Erkennen jede Körperart: denn wie wir das Allgemeine erkennen, so ist auch unser Wille auf ein Allgemeines gerichtet, z. B. daß "wir das ganze Geschlecht der Räuber hassen", wie Aristoteles in seiner Rhetorik sagt. Unser Wollen wird also nicht von einem Himmelskörper verursacht. Außerdem. Was sich auf ein Ziel richtet, entspricht dem Ziel (der Art nach). Die menschlichen Entscheidungen sind aber auf die Glückseligkeit als letztes Ziel ausgerichtet. Diese besteht aber nicht in irgendwelchem körperlichen Guten, sondern darin, daß die Seele durch den Verstand mit der göttlichen Welt verbunden wird: so ist es oben (IH 2S H.) sowohl nach der Lehre des Glaubens als auch nach den Meinungen der Philosophen dargelegt worden. Also können die Himmelskörper nicht Ursache unserer Entscheidungen sein.
Daher heißt es Jer 10,2 f.: "Fürchtet euch nicht vor den Himmelszeichen, die die Heiden scheuen: denn die Satzungen der Heiden sind nichtig. " Hierdurch wird aber die These der Stoiker ausgeschlossen, die behaupteten, alle unsere Handlungen und auch unsere Entscheidungen bestimmten sich nach den Himmelskörpern (vgl. III 84, ab "Von hier rührte auch . . . "). - Dies soll auch bei den Juden eine alte These der Pharisäer gewesen sein. - Die Priscillianisten wurden ebenfalls dieses Irrtums bezichtigt, wie es (bei Augustinus) im Buch Über die Häresien heißt. Es war auch die Meinung der alten Naturphilosophen, die behaupteten, Sinne und Verstand unterschieden sich nicht (vgl. III 84). Daher sagte Empedokles: "Der Wille erwächst bei den Menschen, wie bei den anderen Lebewesen, am Gegebenen", d. h. am gegenwärtigen Augenblick, (also) aus der Himmelsbewegung, die die Ursache für die Zeit ist, wie Aristoteles im Buch Über die Seele erläutert. Trotzdem muß man wissen, daß die Himmelskörper zwar nicht unmittelbar Ursache unserer Entscheidungen sind im Sinne unmittelbarer Einwirkung auf unseren Willen, daß aber von ihnen doch mittelbar unseren Entscheidungen ein Anlaß geboten wird, insofern sie auf die Körper einwirken, und zwar in zweifacher Weise. Auf die eine Weise, insofern Einwirkungen der Himmelskörper auf äußere Körper für uns Anlaß einer Entscheidung sind: wenn z. B. die Luft durch die Himmelskörper in starken Frost verfällt, so entscheiden wir, uns am Feuer zu wärmen oder anderes derartige zu tun, was der Jahreszeit entspricht. - Auf die andere Weise (gibt es die Möglichkeit mittelbarer Einwirkung), insofern sie auf unseren Körper einwirken: bei ihrer Veränderung steigen in uns Gemütsbewegungen auf; entweder werden wir durch ihre Einwirkung für irgendwelche Affekte empfänglich gemacht, Choleriker beispielsweise neigen (dann) zu Zornausbrüchen; oder es wird in uns auch durch ihre Einwirkung eine körperliche Verfassung verursacht, die Anlaß einer Entscheidung ist, wenn wir z. B. krank sind und entscheiden, eine Arznei zu nehmen. - Bisweilen verursachen die Himmelskörper auch eine menschliche Handlung (unmittelbar), insofern Menschen durch eine Mißbildung des Körpers wahnsinnig werden und den Gebrauch des Verstandes verlieren. Bei diesen gibt es nicht im eigentlichen Sinne Entscheidung, sondern sie werden von einem natürlichen Instinkt bewegt wie auch die Tiere.
Es ist aber offensichtlich und durch Überprüfung erkannt, daß solche Anlässe, ob äußere oder innere, nicht die notwendige Ursache einer Entscheidung sind: denn der Mensch kann durch seine Vernunft ihnen widerstehen oder gehorchen. Allerdings sind es mehr, die den natürlichen Antrieben folgen, weniger dagegen, nämlich nur die Weisen, die den Anlässen, schlecht zu handeln, und den natürlichen Antrieben nicht folgen.
Deswegen sagt Ptolemäus im Centiloquium: "Die weise Seele befördert das Werk der Gestirne", ferner: "Nicht wird der Sternkundige nach den Sternen Urteile fällen können, wenn er nicht die Kraft der Seele und die natürliche Säftemischung richtig erkannt hat"; endlich: "Der Sternkundige darf kein Ding im besonderen aussprechen, sondern nur allgemein": die Einwirkung der Gestirne erzielt nämlich ihre Wirkung bei der Mehrheit, die der aus dem Körper stammenden Neigung nicht widersteht; aber nicht immer bei diesem oder jenem, der vielleicht dank seiner Vernunft der natürlichen Neigung widersteht.
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