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Einwand 1: Es scheint, dass man Gott nicht in allem gehorchen muss. Denn es steht geschrieben (Mt 9,30.31), dass unser Herr, nachdem er die zwei Blinden geheilt hatte, ihnen befahl und sprach: „Seht zu, dass es niemand erfährt. Sie aber gingen hinaus und verbreiteten seinen Ruf in jener ganzen Gegend.“ Doch werden sie dafür nicht getadelt. Also scheint es, dass wir nicht gehalten sind, Gott in allem zu gehorchen.
Einwand 2: Ferner ist niemand gehalten, etwas gegen die Tugend zu tun. Nun finden wir, dass Gott gewisse Dinge gegen die Tugend befohlen hat: so befahl er Abraham, seinen unschuldigen Sohn zu töten (Gen 22); und den Juden, das Eigentum der Ägypter zu stehlen (Ex 11), welche Dinge gegen die Gerechtigkeit sind; und Hosea, eine Frau zu nehmen, die eine Ehebrecherin war (Hos 3), und dies ist gegen die Keuschheit. Also ist Gott nicht in allem zu gehorchen.
Einwand 3: Ferner, wer Gott gehorcht, gleicht seinen Willen dem göttlichen Willen an, sogar was das Gewollte betrifft. Aber wir sind nicht in allem gehalten, unseren Willen dem göttlichen Willen anzugleichen, was das Gewollte betrifft, wie oben dargelegt (FS, Quaestio [19], Artikel [10]). Also ist der Mensch nicht gehalten, Gott in allem zu gehorchen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ex 24,7): „Alles, was der Herr gesprochen hat, wollen wir tun und wir wollen gehorsam sein.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1]), derjenige, der gehorcht, durch den Befehl der Person bewegt wird, der er gehorcht, so wie natürliche Dinge durch ihre Bewegursachen bewegt werden. Nun ist Gott, so wie er der erste Beweger aller Dinge ist, die natürlich bewegt werden, so auch der erste Beweger aller Willen, wie oben gezeigt (FS, Quaestio [9], Artikel [6]). Daher sind, so wie alle natürlichen Dinge der göttlichen Bewegung durch eine natürliche Notwendigkeit unterworfen sind, so auch alle Willen durch eine Art Notwendigkeit der Gerechtigkeit gehalten, dem göttlichen Befehl zu gehorchen.
Antwort auf Einwand 1: Als unser Herr den Blinden sagte, sie sollten das Wunder verbergen, hatte er nicht die Absicht, sie mit der Kraft einer göttlichen Vorschrift zu binden, sondern, wie Gregor sagt (Moral. xix), „gab er seinen Dienern, die ihm nachfolgen, ein Beispiel, dass sie wünschen mögen, ihre Tugend zu verbergen, und dass sie dennoch gegen ihren Willen verkündet werde, damit andere durch ihr Beispiel profitieren mögen.“
Antwort auf Einwand 2: So wie Gott nichts gegen die Natur tut (da „die Natur eines Dinges das ist, was Gott darin wirkt“, gemäß einer Glosse zu Röm 11), und doch gewisse Dinge gegen den gewohnten Lauf der Natur tut; so kann Gott nichts gegen die Tugend befehlen, da Tugend und Richtigkeit des menschlichen Willens hauptsächlich in der Übereinstimmung mit Gottes Willen und dem Gehorsam gegenüber seinem Befehl bestehen, auch wenn es gegen die gewohnte Weise der Tugend ist. Dementsprechend war also der Befehl, der Abraham gegeben wurde, seinen unschuldigen Sohn zu töten, nicht gegen die Gerechtigkeit, da Gott der Urheber von Leben und Tod ist. Noch wiederum war es gegen die Gerechtigkeit, dass er den Juden befahl, Dinge zu nehmen, die den Ägyptern gehörten, weil alle Dinge sein sind und er sie gibt, wem er will. Noch war es gegen die Keuschheit, dass Hosea befohlen wurde, eine Ehebrecherin zu nehmen, weil Gott selbst der Ordner der menschlichen Zeugung ist und die rechte Weise des Verkehrs mit der Frau jene ist, die er bestimmt. Daher ist es offensichtlich, dass die genannten Personen nicht gesündigt haben, weder indem sie Gott gehorchten noch indem sie willens waren, ihm zu gehorchen.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl der Mensch nicht immer gehalten ist zu wollen, was Gott will, so ist er doch immer gehalten zu wollen, was Gott will, dass er wolle. Dies gelangt zur Kenntnis des Menschen hauptsächlich durch Gottes Befehl, weshalb der Mensch gehalten ist, Gottes Befehlen in allem zu gehorchen.
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