III, q. 79 a. 6
Ob der Mensch durch dieses Sakrament vor künftigen Sünden bewahrt wird?
Quaestio 79 · Von den Wirkungen dieses Sakraments
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch durch dieses Sakrament nicht vor künftigen Sünden bewahrt wird. Denn es gibt viele, die dieses Sakrament würdig empfangen, die danach in Sünde fallen. Dies würde nun nicht geschehen, wenn dieses Sakrament sie vor künftigen Sünden bewahren würde. Folglich ist es keine Wirkung dieses Sakramentes, vor künftigen Sünden zu bewahren.
Einwand 2: Ferner ist die Eucharistie das Sakrament der Liebe, wie oben gesagt wurde (Artikel [4]). Aber die Liebe scheint nicht vor künftigen Sünden zu bewahren, weil sie durch Sünde verloren werden kann, nachdem man sie besessen hat, wie in der SS, Quaestio [24], Artikel [11] gesagt wurde. Daher scheint es, dass dieses Sakrament den Menschen nicht vor Sünde bewahrt.
Einwand 3: Ferner ist der Ursprung der Sünde in uns „das Gesetz der Sünde, das in unseren Gliedern ist“, wie vom Apostel erklärt wird (Röm 7,23). Aber die Minderung des Zunders [fomes], welcher das Gesetz der Sünde ist, wird nicht als eine Wirkung dieses Sakramentes festgesetzt, sondern eher der Taufe. Daher ist die Bewahrung vor Sünde keine Wirkung dieses Sakramentes.
Dagegen spricht, dass unser Herr sagte (Joh 6,50): „Dies ist das Brot, das vom Himmel herabkommt; damit, wenn jemand davon isst, er nicht sterbe“: was offensichtlich nicht vom Tod des Leibes zu verstehen ist. Daher ist es so zu verstehen, dass dieses Sakrament vor dem geistigen Tod bewahrt, welcher durch die Sünde geschieht.
Ich antworte darauf, Die Sünde ist der geistige Tod der Seele. Daher wird der Mensch auf dieselbe Weise vor künftiger Sünde bewahrt, wie der Leib vor dem künftigen Tod des Leibes bewahrt wird: und dies geschieht auf zwei Arten. Erstens, insofern die Natur des Menschen innerlich gegen inneren Verfall gestärkt wird, und so wird er mittels Speise und Medizin vor dem Tod bewahrt. Zweitens, indem er gegen äußere Angriffe geschützt wird; und so wird er mittels Waffen geschützt, mit denen er seinen Leib verteidigt.
Nun bewahrt dieses Sakrament den Menschen auf beide dieser Arten vor Sünde. Denn erstens stärkt es, indem es den Menschen durch die Gnade mit Christus vereinigt, sein geistiges Leben als geistige Speise und geistige Medizin, gemäß Ps 103,5: „(Dass) Brot das Herz des Menschen stärke.“ Augustinus sagt ebenfalls (Tract. xxvi in Joan.): „Nähere dich ohne Furcht; es ist Brot, nicht Gift.“ Zweitens wehrt es, insofern es ein Zeichen des Leidens Christi ist, wodurch die Teufel besiegt sind, alle Angriffe der Dämonen ab. Daher sagt Chrysostomus (Hom. xlvi in Joan.): „Wie Löwen, die Feuer ausatmen, so gehen wir von jenem Tisch fort, schrecklich gemacht für den Teufel.“
Antwort auf Einwand 1: Die Wirkung dieses Sakramentes wird gemäß der Verfassung des Menschen empfangen: so verhält es sich mit jeder wirkenden Ursache, dass ihre Wirkung im Stoff gemäß der Verfassung des Stoffes empfangen wird. Aber so ist die Verfassung des Menschen auf Erden, dass sein freier Wille zum Guten oder Bösen geneigt werden kann. Daher nimmt dieses Sakrament, obwohl es aus sich selbst die Kraft hat, vor Sünde zu bewahren, dem Menschen doch nicht die Möglichkeit zu sündigen.
Antwort auf Einwand 2: Auch die Liebe bewahrt den Menschen aus sich selbst vor Sünde, gemäß Röm 13,10: „Die Liebe zum Nächsten tut nichts Böses“: aber es liegt an der Wandelbarkeit des freien Willens, dass ein Mensch sündigt, nachdem er die Liebe besessen hat, ebenso wie nach dem Empfang dieses Sakramentes.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl dieses Sakrament nicht direkt darauf hingeordnet ist, den Zunder zu mindern, mindert es ihn doch als Folge, insofern es die Liebe vermehrt, weil, wie Augustinus sagt (Quaestio [83]), „die Zunahme der Liebe die Abnahme der Begierlichkeit ist.“ Aber es stärkt direkt das Herz des Menschen im Guten; wodurch er auch vor Sünde bewahrt wird.