III, q. 79 a. 5
Ob die gesamte Sündenstrafe durch dieses Sakrament vergeben wird?
Quaestio 79 · Von den Wirkungen dieses Sakraments
Einwand 1: Es scheint, dass die gesamte Sündenstrafe durch dieses Sakrament vergeben wird. Denn durch dieses Sakrament empfängt der Mensch die Wirkung des Leidens Christi in sich, wie oben gesagt wurde (Artikel [1],2), so wie er es durch die Taufe tut. Aber durch die Taufe empfängt der Mensch die Vergebung aller Strafe, durch die Kraft des Leidens Christi, das für alle Sünden hinreichend Genugtuung leistete, wie oben erklärt wurde (Quaestio [69], Artikel [2]). Daher scheint es, dass die ganze Strafschuld durch dieses Sakrament vergeben wird.
Einwand 2: Ferner sagt Papst Alexander I. (Ep. ad omnes orth.): „Kein Opfer kann größer sein als der Leib und das Blut Christi.“ Aber der Mensch leistete Genugtuung für seine Sünden durch die Opfer des alten Gesetzes: denn es steht geschrieben (Lev 4,5): „Wenn ein Mensch sündigt, soll er“ (dieses und jenes) „für seine Sünde darbringen, und es wird ihm vergeben werden.“ Daher nützt dieses Sakrament viel mehr zur Vergebung aller Strafe.
Einwand 3: Ferner ist es sicher, dass ein Teil der Strafschuld durch dieses Sakrament vergeben wird; weshalb einem Menschen manchmal als Genugtuung auferlegt wird, Messen für sich lesen zu lassen. Wenn aber ein Teil der Strafe vergeben wird, wird aus demselben Grund auch der andere vergeben: aufgrund der unendlichen Kraft Christi, die in diesem Sakrament enthalten ist. Folglich scheint es, dass die ganze Strafe durch dieses Sakrament weggenommen werden kann.
Dagegen spricht, dass in diesem Fall keine andere Strafe auferlegt werden müsste; so wie den neu Getauften keine auferlegt wird.
Ich antworte darauf, Dieses Sakrament ist sowohl ein Opfer als auch ein Sakrament. Es hat die Natur eines Opfers, insofern es dargebracht wird; und es hat die Natur eines Sakramentes, insofern es empfangen wird. Und deshalb hat es die Wirkung eines Sakramentes im Empfänger und die Wirkung eines Opfers im Opfernden oder in jenen, für die es dargebracht wird.
Wenn es also als Sakrament betrachtet wird, bringt es seine Wirkung auf zwei Arten hervor: erstens direkt durch die Kraft des Sakramentes; zweitens gleichsam durch eine Art Konkomitanz, wie oben bezüglich dessen gesagt wurde, was im Sakrament enthalten ist (Quaestio [76], Artikel [1],2). Durch die Kraft des Sakramentes bringt es direkt jene Wirkung hervor, für die es eingesetzt wurde. Nun wurde es nicht zur Genugtuung eingesetzt, sondern um geistig zu nähren durch die Vereinigung zwischen Christus und seinen Gliedern, wie Nahrung mit der genährten Person vereinigt wird. Aber weil diese Vereinigung die Wirkung der Liebe ist, aus deren Eifer der Mensch Vergebung erlangt, nicht nur der Schuld, sondern auch der Strafe, daher kommt es, dass der Mensch als Folge und durch Konkomitanz mit der Hauptwirkung Vergebung der Strafe erlangt, freilich nicht der gesamten Strafe, sondern gemäß dem Maß seiner Andacht und seines Eifers.
Insofern es aber ein Opfer ist, hat es eine genugtuende Kraft. Doch bei der Genugtuung wird eher die Gesinnung des Opfernden gewogen als die Menge der Gabe. Daher sagt unser Herr (Mk 12,43; vgl. Lk 21,4) von der Witwe, die „zwei Scherflein“ darbrachte, dass sie „mehr als alle“ hineingeworfen habe. Daher, obwohl diese Opfergabe aufgrund ihrer eigenen Menge ausreicht, um für alle Strafe Genugtuung zu leisten, wird sie doch für jene, für die sie dargebracht wird, oder auch für die Opfernden, gemäß dem Maß ihrer Andacht zur Genugtuung, und nicht für die ganze Strafe.
Antwort auf Einwand 1: Das Sakrament der Taufe ist direkt auf den Erlass von Strafe und Schuld hingeordnet: nicht so die Eucharistie, weil die Taufe dem Menschen gegeben wird als einem, der mit Christus stirbt, wohingegen die Eucharistie gegeben wird, um ihn durch Christus zu nähren und zu vervollkommnen. Folglich gibt es keine Parallele.
Antwort auf Einwand 2: Jene anderen Opfer und Gaben bewirkten nicht die Vergebung der ganzen Strafe, weder hinsichtlich der Menge der dargebrachten Sache, wie es dieses Sakrament tut, noch hinsichtlich der persönlichen Andacht; woraus folgt, dass auch hier die ganze Strafe nicht weggenommen wird.
Antwort auf Einwand 3: Wenn ein Teil der Strafe und nicht die ganze durch dieses Sakrament weggenommen wird, liegt das an einem Mangel nicht aufseiten der Kraft Christi, sondern aufseiten der Andacht des Menschen.