III, q. 60 a. 4
Ob ein Sakrament immer etwas Sinnfälliges ist?
Quaestio 60 · Was ist ein Sakrament?
Einwand 1: Es scheint, dass ein Sakrament nicht immer etwas Sinnfälliges ist. Denn gemäß dem Philosophen (Prior. Anal. ii) ist jede Wirkung ein Zeichen ihrer Ursache. Aber so wie es einige sinnfällige Wirkungen gibt, so gibt es auch einige intelligible [geistige] Wirkungen; so ist die Wissenschaft die Wirkung eines Beweises. Also ist nicht jedes Zeichen sinnfällig. Nun ist alles, was für ein Sakrament erforderlich ist, etwas, das ein Zeichen einer heiligen Sache ist, insofern dadurch der Mensch geheiligt wird, wie oben gesagt (Artikel [2]). Daher ist etwas Sinnfälliges für ein Sakrament nicht erforderlich.
Einwand 2: Ferner gehören Sakramente zum Reich Gottes und zum göttlichen Kult. Aber sinnfällige Dinge scheinen nicht zum göttlichen Kult zu gehören: denn uns wird gesagt (Joh 4,24), dass „Gott Geist ist; und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“; und (Röm 14,17), dass „das Reich Gottes nicht Essen und Trinken ist“. Daher sind sinnfällige Dinge für die Sakramente nicht erforderlich.
Einwand 3: Ferner sagt Augustinus (De Lib. Arb. ii), dass „sinnfällige Dinge Güter von geringstem Wert sind, da der Mensch ohne sie recht leben kann“. Aber die Sakramente sind für das Heil des Menschen notwendig, wie wir weiter unten zeigen werden (Frage [61], Artikel [1]): so dass der Mensch ohne sie nicht recht leben kann. Daher sind sinnfällige Dinge für die Sakramente nicht erforderlich.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Tract. lxxx super Joan.): „Das Wort tritt zum Element hinzu und es wird ein Sakrament“; und er spricht dort vom Wasser, welches ein sinnfälliges Element ist. Daher sind sinnfällige Dinge für die Sakramente erforderlich.
Ich antworte darauf, dass die göttliche Weisheit für jedes Ding gemäß seiner Weise sorgt; daher steht geschrieben (Weish 8,1), dass „sie ... alle Dinge süß ordnet“: weshalb uns auch gesagt wird (Mt 25,15), dass sie „jedem nach seiner eigenen Fähigkeit gab“. Nun gehört es zur Natur des Menschen, die Erkenntnis des Geistigen aus dem Sinnfälligen zu erwerben. Ein Zeichen aber ist das, wodurch man zur Erkenntnis von etwas anderem gelangt. Da folglich die heiligen Dinge, die durch die Sakramente bezeichnet werden, die geistigen und intelligiblen Güter sind, durch welche der Mensch geheiligt wird, folgt daraus, dass die sakramentalen Zeichen in sinnfälligen Dingen bestehen: so wie uns in den göttlichen Schriften geistige Dinge unter der Hülle von sinnfälligen Dingen dargelegt werden. Und daher kommt es, dass sinnfällige Dinge für die Sakramente erforderlich sind; wie auch Dionysius in seinem Buch über die himmlische Hierarchie beweist (Coel. Hier. i).
Antwort auf Einwand 1: Der Name und die Definition eines Dinges werden hauptsächlich von dem genommen, was einem Ding primär und wesentlich zukommt: und nicht von dem, was ihm durch etwas anderes zukommt. Nun führt eine sinnfällige Wirkung, da sie das primäre und direkte Objekt der menschlichen Erkenntnis ist (da all unsere Erkenntnis von den Sinnen ausgeht), durch ihre Natur selbst zur Erkenntnis von etwas anderem: wohingegen intelligible Wirkungen nicht so beschaffen sind, dass sie uns zur Erkenntnis von etwas anderem führen könnten, außer insofern sie durch irgendein anderes Ding manifestiert werden, d.h. durch gewisse Sinnfälligkeiten. Aus diesem Grund wird der Name Zeichen primär und hauptsächlich Dingen gegeben, die den Sinnen dargeboten werden; daher sagt Augustinus (De Doctr. Christ. ii), dass ein Zeichen „das ist, was über die Gestalt hinaus, die es den Sinnen einprägt, etwas anderes im Denken bewirkt“. Aber intelligible Wirkungen haben nicht teil an der Natur eines Zeichens, außer insofern sie durch gewisse Zeichen aufgezeigt werden. Und auf diese Weise werden auch gewisse Dinge, die nicht sinnfällig sind, gleichsam Sakramente genannt, insofern sie durch gewisse sinnfällige Dinge bezeichnet werden, wovon wir weiter unten handeln werden (Frage [63], Artikel [1], ad 2; Artikel [3], ad 2; Frage [73], Artikel [6]; Frage [74], Artikel [1], ad 3).
Antwort auf Einwand 2: Sinnfällige Dinge, in ihrer eigenen Natur betrachtet, gehören nicht zum Kult oder Reich Gottes: sondern nur als Zeichen geistiger Dinge betrachtet, in denen das Reich Gottes besteht.
Antwort auf Einwand 3: Augustinus spricht dort von sinnfälligen Dingen, betrachtet in ihrer Natur; aber nicht als dazu verwendet, geistige Dinge zu bezeichnen, welche die höchsten Güter sind.