Suppl., q. 97 a. 4
Ob die Verdammten in materieller Finsternis sind?
Quaestio 97 · Von der Strafe der Verdammten
1. Einwand: Es scheint, dass die Verdammten nicht in materieller Finsternis sind. Denn Gregor sagt in seinem Kommentar zu Ijob 10,22, „Aber ewiges Grauen wohnt dort“ (Moral. ix): „Obwohl jenes Feuer kein Licht zum Trost geben wird, gibt es doch, damit es umso mehr peinige, Licht zu einem Zweck, denn beim Licht seiner Flamme werden die Bösen ihre Anhänger sehen, die sie von der Welt dorthin gezogen haben.“ Daher ist die Finsternis dort nicht materiell.
2. Einwand: Ferner sehen die Verdammten ihre eigene Strafe, denn dies vermehrt ihre Strafe. Aber nichts wird ohne Licht gesehen. Daher gibt es dort keine materielle Finsternis.
3. Einwand: Ferner werden die Verdammten dort nach der Wiedervereinigung mit ihren Körpern die Sehkraft haben. Aber diese Kraft wäre für sie nutzlos, wenn sie nicht etwas sähen. Da also nichts gesehen wird, es sei denn im Licht, scheint es, dass sie nicht in absoluter Finsternis sind.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Mt 22,13): „Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die äußerste Finsternis.“ Gregor sagt in seinem Kommentar zu diesen Worten (Moral. ix): Wenn dieses Feuer irgendein Licht gäbe, „würde er keineswegs als in die äußerste Finsternis geworfen beschrieben werden.“
Ferner sagt Basilius (Hom. i in Ps. 28,7, „Die Stimme des Herrn zerteilt die Feuerflamme“), dass „durch Gottes Macht der Glanz des Feuers von seiner Brennkraft getrennt werden wird, sodass sein Glanz zur Freude der Seligen und die Hitze der Flamme zur Qual der Verdammten beitragen wird.“ Daher werden die Verdammten in materieller Finsternis sein.
Andere Punkte bezüglich der Strafe der Verdammten wurden oben entschieden (Frage 86).
Ich antworte darauf, dass die Beschaffenheit der Hölle so sein wird, dass sie dem äußersten Unglück der Verdammten angepasst ist. Weshalb dementsprechend sowohl Licht als auch Finsternis dort sind, insofern sie am meisten zum Unglück der Verdammten beitragen. Nun ist das Sehen an sich angenehm, denn, wie in Metaph. i gesagt wird, „wird der Sinn des Sehens am meisten geschätzt, weil dadurch viele Dinge erkannt werden.“
Doch geschieht es akzidentell, dass Sehen schmerzhaft ist, wenn wir Dinge sehen, die für uns schädlich sind oder unserem Willen missfallen. Folglich muss in der Hölle der Ort hinsichtlich Licht und Finsternis so beschaffen sein, dass nichts deutlich gesehen wird und dass nur solche Dinge schemenhaft gesehen werden, die dem Herzen Angst bringen können. Weshalb der Ort, schlechthin gesprochen, dunkel ist. Doch durch göttliche Fügung gibt es ein gewisses Maß an Licht, so viel wie ausreicht, um jene Dinge zu sehen, die fähig sind, die Seele zu peinigen. Die natürliche Lage des Ortes reicht hierfür aus, da im Zentrum der Erde, wo die Hölle sein soll, das Feuer nicht anders als dick und trübe und gleichsam rauchig sein kann.
Einige vertreten die Meinung, dass diese Finsternis durch das Zusammendrängen der Körper der Verdammten verursacht wird, die den Ort der Hölle mit ihrer Anzahl so füllen werden, dass keine Luft verbleibt, sodass es keinen durchsichtigen Körper geben wird, der Träger von Licht und Finsternis sein kann, außer den Augen der Verdammten, die gänzlich verdunkelt sein werden.
Dies genügt für die Antworten auf die Einwände.