Suppl., q. 40 a. 6
Ob es in der Kirche jemanden über den Bischöfen geben kann?
Quaestio 40 · Von dem, was mit dem Weihesakrament verbunden ist.
Einwand 1: Es scheint, dass es in der Kirche niemanden geben kann, der höher ist als die Bischöfe. Denn alle Bischöfe sind die Nachfolger der Apostel. Nun wurde die Gewalt, die so einem der Apostel gegeben wurde, nämlich Petrus (Mt 16,19), allen Aposteln gegeben (Joh 20,23). Daher sind alle Bischöfe gleich, und einer ist nicht über dem anderen.
Einwand 2: Ferner sollte der Ritus der Kirche mehr dem jüdischen Ritus angeglichen sein als dem der Heiden. Nun wurden die Unterscheidung der bischöflichen Würde und die Einsetzung eines über den anderen von den Heiden eingeführt, wie im Text dargelegt (Sent. IV, D. 24); und es gab so etwas nicht im Alten Gesetz. Daher sollte auch in der Kirche nicht ein Bischof über dem anderen stehen.
Einwand 3: Ferner kann eine höhere Gewalt nicht durch eine niedrigere verliehen werden, noch eine gleiche durch eine gleiche, weil „ohne jeden Widerspruch das Geringere vom Größeren [Vulg.: 'Besseren'] gesegnet wird“; daher weiht ein Priester keinen Bischof oder Priester, sondern ein Bischof weiht einen Priester. Aber ein Bischof kann jeden Bischof weihen, da sogar der Bischof von Ostia den Papst weiht. Daher ist die bischöfliche Würde in allen Angelegenheiten gleich, und folglich sollte ein Bischof nicht einem anderen unterworfen sein, wie im Text dargelegt (Sent. IV, D. 24).
Dagegen spricht, dass wir im Konzil von Konstantinopel lesen: „In Übereinstimmung mit den Schriften und den Statuten und Definitionen der Kanones verehren wir den heiligsten Bischof des alten Rom als den ersten und größten der Bischöfe, und nach ihm den Bischof von Konstantinopel.“ Daher ist ein Bischof über dem anderen.
Ferner sagt der selige Cyrill, Bischof von Alexandria: „Damit wir Glieder unseres apostolischen Hauptes bleiben, des Thrones der Römischen Pontifices, von denen wir zu suchen verpflichtet sind, was wir glauben und was wir halten sollen, ihn verehrend, ihn vor anderen anflehend; denn ihm gebührt es zurechtzuweisen, zu korrigieren, einzusetzen, zu lösen und zu binden anstelle dessen, der eben diesen Thron errichtet hat und der die Fülle des Seinen keinem anderen gab, sondern ihm allein, vor dem sich nach göttlichem Recht alle beugen und dem die Primaten der Welt gehorsam sind wie unserem Herrn Jesus Christus selbst.“ Daher sind Bischöfe jemandem sogar nach göttlichem Recht unterworfen.
Ich antworte darauf, dass überall dort, wo mehrere Autoritäten auf einen Zweck ausgerichtet sind, es notwendigerweise eine universale Autorität über den partikularen Autoritäten geben muss, weil in allen Tugenden und Akten die Ordnung gemäß der Ordnung ihrer Ziele ist (Ethic. i, 1,2). Nun ist das Gemeinwohl gottähnlicher als das partikulare Gut. Weshalb über der regierenden Gewalt, die auf ein partikulares Gut abzielt, eine universale regierende Gewalt in Bezug auf das Gemeinwohl stehen muss, andernfalls gäbe es keinen Zusammenhalt auf das eine Objekt hin. Da also die ganze Kirche ein Leib ist, ziemt es sich, wenn diese Einheit bewahrt werden soll, dass es eine regierende Gewalt in Bezug auf die ganze Kirche gibt, über der bischöflichen Gewalt, durch die jede Teilkirche regiert wird, und dies ist die Gewalt des Papstes. Folglich werden jene, die diese Gewalt leugnen, Schismatiker genannt, da sie eine Spaltung in der Einheit der Kirche verursachen. Wiederum gibt es zwischen einem einfachen Bischof und dem Papst andere Rangstufen, die den Graden der Vereinigung entsprechen, in Bezug auf welche eine Versammlung oder Gemeinschaft eine andere einschließt; so schließt die Gemeinschaft einer Provinz die Gemeinschaft einer Stadt ein, und die Gemeinschaft eines Königreiches schließt die Gemeinschaft einer Provinz ein, und die Gemeinschaft der ganzen Welt schließt die Gemeinschaft eines Königreiches ein.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl die Gewalt des Bindens und Lösens allen Aposteln gemeinsam gegeben wurde, wurde sie dennoch, um eine gewisse Ordnung in dieser Gewalt anzuzeigen, zuerst Petrus allein gegeben, um zu zeigen, dass diese Gewalt von ihm auf die anderen herabkommen muss. Aus diesem Grund sagte Er zu ihm in der Einzahl: „Stärke deine Brüder“ (Lk 22,32) und: „Weide meine Schafe“ (Joh 21,17), d.h. gemäß Chrysostomus: „Sei du der Vorsteher und das Haupt deiner Brüder an meiner Statt, damit sie, dich an meine Stelle setzend, predigen und dich in der ganzen Welt bestätigen mögen, während du auf deinem Throne sitzest.“
Antwort auf Einwand 2: Der jüdische Ritus war nicht in verschiedenen Königreichen und Provinzen verbreitet, sondern auf eine Nation beschränkt; daher gab es keine Notwendigkeit, verschiedene Pontifices unter dem einen zu unterscheiden, der die Hauptgewalt hatte. Aber der Ritus der Kirche ist, wie der der Heiden, über verschiedene Nationen verbreitet; und folglich ist es in dieser Hinsicht notwendig, dass die Verfassung der Kirche eher dem Ritus der Heiden gleicht als dem der Juden.
Antwort auf Einwand 3: Die priesterliche Gewalt wird von der bischöflichen Gewalt übertroffen wie von einer Gewalt anderer Art; aber die bischöfliche wird von der päpstlichen Gewalt übertroffen wie von einer Gewalt derselben Art. Daher kann ein Bischof jeden hierarchischen Akt vollziehen, den der Papst vollziehen kann; wohingegen ein Priester nicht jeden Akt vollziehen kann, den ein Bischof bei der Spendung der Sakramente vollziehen kann. Weshalb hinsichtlich der Angelegenheiten, die zur bischöflichen Weihe gehören, alle Bischöfe gleich sind, und aus diesem Grund kann jeder Bischof einen anderen Bischof weihen.