Suppl., q. 2 a. 6
Ob es notwendig ist, für jede Todsünde Zerknirschung zu haben?
Quaestio 2 · Vom Gegenstand der Reue
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht notwendig ist, für jede Todsünde Zerknirschung zu haben. Denn die Bewegung der Zerknirschung bei der Rechtfertigung ist augenblicklich: wohingegen ein Mensch nicht in einem Augenblick an jede Todsünde denken kann. Also ist es nicht notwendig, für jede Todsünde Zerknirschung zu haben.
Einwand 2: Ferner sollte die Zerknirschung für Sünden sein, insofern sie uns von Gott abwenden, weil wir nicht zerknirscht sein müssen, wenn wir uns den Geschöpfen zuwenden, ohne uns von Gott abzuwenden. Nun kommen alle Todsünden darin überein, uns von Gott abzuwenden. Also ist eine Zerknirschung für alle ausreichend.
Einwand 3: Ferner haben Todsünden mehr miteinander gemein als wirkliche Sünde und Erbsünde. Nun tilgt eine Taufe alle Sünden, sowohl die wirklichen als auch die Erbsünde. Also tilgt eine allgemeine Zerknirschung alle Todsünden.
Dagegen spricht: Für verschiedene Krankheiten gibt es verschiedene Heilmittel, da „was das Auge heilt, nicht den Fuß heilen wird“, wie Hieronymus sagt (Super Marc. ix, 28). Aber Zerknirschung ist das spezielle Heilmittel für eine Todsünde. Also genügt eine allgemeine Zerknirschung für alle Todsünden nicht.
Ferner wird die Zerknirschung durch die Beichte ausgedrückt. Es ist aber notwendig, jede Todsünde zu beichten. Also ist es notwendig, für jede Todsünde Zerknirschung zu haben.
Ich antworte darauf: Zerknirschung kann auf zwei Arten betrachtet werden: hinsichtlich ihres Ursprungs und hinsichtlich ihres Endpunktes (Terminus). Unter dem Ursprung der Zerknirschung verstehe ich den Gedankengang, wenn ein Mensch an seine Sünde denkt und Schmerz über sie empfindet, wenn auch nicht mit dem Schmerz der Zerknirschung (contritio), so doch mit dem der Attrition (attritio). Der Endpunkt der Zerknirschung ist, wenn jener Schmerz bereits durch die Gnade belebt ist. Dementsprechend muss ein Mensch hinsichtlich des Ursprungs der Zerknirschung für jede Sünde zerknirscht sein, die er sich ins Gedächtnis ruft; aber hinsichtlich ihres Endpunktes genügt es für ihn, eine allgemeine Zerknirschung für alle zu haben, weil dann die Bewegung seiner Zerknirschung kraft all seiner vorangegangenen Dispositionen wirkt.
Dies genügt für die Antwort auf den ersten Einwand.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl alle Todsünden darin übereinkommen, den Menschen von Gott abzuwenden, unterscheiden sie sich doch in der Ursache und Weise der Abwendung und im Grad der Trennung von Gott; und dies betrifft die verschiedenen Weisen, in denen sie uns den Geschöpfen zuwenden.
Antwort auf Einwand 3: Die Taufe wirkt kraft des Verdienstes Christi, der unendliche Macht zur Tilgung aller Sünden hatte; und so genügt für alle Sünden eine Taufe. Aber bei der Zerknirschung ist zusätzlich zum Verdienst Christi ein Akt von uns erforderlich, welcher daher jeder Sünde entsprechen muss, da er nicht unendliche Macht zur Zerknirschung hat.
Es kann auch geantwortet werden, dass die Taufe eine geistige Zeugung ist; wohingegen die Buße, was die Zerknirschung und ihre anderen Teile betrifft, eine Art geistige Heilung auf dem Wege einer Veränderung ist. Nun ist bei der Zeugung eines Körpers, die vom Vergehen eines anderen Körpers begleitet ist, offensichtlich, dass alle Akzidenzien, die dem gezeugten Ding entgegengesetzt sind und die Akzidenzien des vergehenden Dinges waren, durch die eine Zeugung entfernt werden: wohingegen bei der Veränderung nur jenes Akzidens entfernt wird, welches dem Akzidens entgegengesetzt ist, das der Endpunkt der Veränderung ist. In gleicher Weise tilgt eine Taufe alle Sünden zugleich und führt ein neues Leben ein; wohingegen die Buße nicht jede Sünde tilgt, es sei denn, sie ist auf jede einzelne gerichtet. Aus diesem Grund ist es notwendig, für jede Sünde zerknirscht zu sein und sie zu beichten.