II-II, q. 43 a. 6
Ob aktives Ärgernis bei den Vollkommenen gefunden werden kann?
Quaestio 43 · Vom Ärgernis
Einwand 1: Es scheint, dass aktives Ärgernis bei den Vollkommenen gefunden werden kann. Denn das Erleiden ist die Wirkung des Handelns. Nun nehmen einige passiv Ärgernis an den Worten oder Taten der Vollkommenen, gemäß Mt 15,12: „Weißt du, dass die Pharisäer, als sie dieses Wort hörten, Ärgernis nahmen?“ Daher kann aktives Ärgernis bei den Vollkommenen gefunden werden.
Einwand 2: Ferner befand sich Petrus nach dem Empfang des Heiligen Geistes im Zustand der Vollkommenen. Doch gab er später den Heiden Ärgernis: denn es steht geschrieben (Gal 2,14): „Als ich sah, dass sie nicht den geraden Weg zur Wahrheit des Evangeliums wandelten, sprach ich zu Kephas“, d.h. Petrus, „vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, nach Art der Heiden lebst und nicht wie die Juden, wie zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben?“ Daher kann aktives Ärgernis bei den Vollkommenen sein.
Einwand 3: Ferner ist aktives Ärgernis manchmal eine lässliche Sünde. Aber lässliche Sünden können bei vollkommenen Menschen sein. Daher kann aktives Ärgernis bei vollkommenen Menschen sein.
Dagegen spricht, dass aktives Ärgernis der Vollkommenheit mehr entgegengesetzt ist als passives Ärgernis. Aber passives Ärgernis kann nicht bei den Vollkommenen sein. Viel weniger kann daher aktives Ärgernis bei ihnen sein.
Ich antworte darauf, dass aktives Ärgernis im eigentlichen Sinne dann auftritt, wenn ein Mensch eine Sache sagt oder tut, die an sich von der Natur ist, Anlass zum geistlichen Fall eines anderen zu geben, und das ist nur dann der Fall, wenn das, was er sagt oder tut, ungeordnet ist. Nun kommt es den Vollkommenen zu, alle ihre Handlungen nach der Regel der Vernunft zu richten, wie in 1 Kor 14,40 dargelegt: „Alles geschehe anständig und nach der Ordnung“; und sie sind darauf bedacht, dies vornehmlich in jenen Angelegenheiten zu tun, worin sie nicht nur unrecht tun würden, sondern auch für andere ein Anlass zum Unrechttun wären. Und wenn sie tatsächlich in diesem Maßhalten bei solchen Worten oder Taten, die zur Kenntnis anderer gelangen, fehlen, so hat dies seinen Ursprung in der menschlichen Schwachheit, worin sie hinter der Vollkommenheit zurückbleiben. Doch bleiben sie nicht so weit zurück, dass sie weit von der Ordnung der Vernunft abweichen, sondern nur ein wenig und in einer geringfügigen Sache: und dies ist nicht so schwerwiegend, dass jemand vernünftigerweise daraus einen Anlass nehmen könnte, eine Sünde zu begehen.
Antwort auf Einwand 1: Passives Ärgernis ist immer auf irgendein aktives Ärgernis zurückzuführen; doch ist dieses aktive Ärgernis nicht immer in einem anderen, sondern in eben der Person, die Ärgernis nimmt, weil sie nämlich sich selbst Ärgernis gibt.
Antwort auf Einwand 2: Nach der Meinung von Augustinus (Ep. xxviii, xl, lxxxii) und auch von Paulus sündigte Petrus und war zu tadeln, indem er sich von den Heiden zurückzog, um das Ärgernis der Juden zu vermeiden, weil er dies etwas unklug tat, so dass die Heiden, die zum Glauben bekehrt worden waren, Ärgernis nahmen. Dennoch war die Handlung des Petrus keine so schwere Sünde, dass sie anderen hinreichenden Grund zum Ärgernis gab. Daher waren sie des passiven Ärgernisses schuldig, während bei Petrus kein aktives Ärgernis vorlag.
Antwort auf Einwand 3: Die lässlichen Sünden der Vollkommenen bestehen hauptsächlich in plötzlichen Regungen, die, da sie verborgen sind, kein Ärgernis geben können. Wenn sie jedoch irgendwelche lässlichen Sünden auch in ihren äußeren Worten oder Taten begehen, so sind diese so geringfügig, dass sie an sich nicht ausreichen, um Ärgernis zu geben.