II-II, q. 180 a. 4
Ob das beschauliche Leben in der bloßen Betrachtung Gottes besteht oder auch in der Erwägung irgendeiner Wahrheit?
Quaestio 180 · Vom beschaulichen Leben
Einwand 1: Es scheint, dass das beschauliche Leben nicht nur in der Betrachtung Gottes besteht, sondern auch in der Erwägung irgendeiner Wahrheit. Denn es steht geschrieben (Ps 138,14): „Wunderbar sind deine Werke, und meine Seele erkennt das wohl.“ Nun wird die Erkenntnis der Werke Gottes durch jede Betrachtung der Wahrheit bewirkt. Daher scheint es, dass es zum beschaulichen Leben gehört, nicht nur die göttliche Wahrheit, sondern auch jede andere zu betrachten.
Einwand 2: Ferner sagt Bernhard (De Consid. v, 14), dass „die Kontemplation in der Bewunderung erstens der Majestät Gottes, zweitens seiner Gerichte, drittens seiner Wohltaten, viertens seiner Verheißungen besteht“. Nun betrifft von diesen vier nur das erste die göttliche Wahrheit, und die anderen drei gehören zu seinen Wirkungen. Daher besteht das beschauliche Leben nicht nur in der Betrachtung der göttlichen Wahrheit, sondern auch in der Erwägung der Wahrheit bezüglich der göttlichen Wirkungen.
Einwand 3: Ferner unterscheidet Richard von St. Viktor sechs Arten der Kontemplation. Die erste gehört zur „Einbildungskraft allein“ und besteht im Denken an körperliche Dinge. Die zweite ist in der „von der Vernunft geleiteten Einbildungskraft“ und besteht in der Erwägung der Ordnung und Disposition sinnlicher Objekte. Die dritte ist in der „auf die Einbildungskraft gestützten Vernunft“; wenn wir nämlich von der Betrachtung des Sichtbaren zum Unsichtbaren aufsteigen. Die vierte ist in der „Vernunft und geleitet durch die Vernunft“, wenn der Geist auf unsichtbare Dinge bedacht ist, von denen die Einbildungskraft keine Kenntnis hat. Die fünfte ist „über der Vernunft“, aber nicht gegen die Vernunft, wenn wir durch göttliche Offenbarung Kenntnis von Dingen erhalten, die von der menschlichen Vernunft nicht begriffen werden können. Die sechste ist „über der Vernunft und gegen die Vernunft“; wenn wir nämlich durch die göttliche Erleuchtung Dinge wissen, die der menschlichen Vernunft entgegengesetzt scheinen, wie die Lehre vom Geheimnis der Dreifaltigkeit. Nun scheint nur die letzte dieser Arten die göttliche Wahrheit zu betreffen. Daher betrifft die Betrachtung der Wahrheit nicht nur die göttliche Wahrheit, sondern auch jene, die in den Geschöpfen erwogen wird.
Einwand 4: Ferner wird im beschaulichen Leben die Betrachtung der Wahrheit als die Vollkommenheit des Menschen gesucht. Nun ist jede Wahrheit eine Vollkommenheit des menschlichen Intellekts. Daher besteht das beschauliche Leben in der Betrachtung jeder Wahrheit.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. vi, 37): „In der Kontemplation suchen wir das Prinzip, welches Gott ist.“
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (Artikel [2]), kann eine Sache auf zwei Arten zum beschaulichen Leben gehören: prinzipiell und sekundär oder dispositiv. Das, was prinzipiell zum beschaulichen Leben gehört, ist die Betrachtung der göttlichen Wahrheit, weil diese Betrachtung das Ziel des ganzen menschlichen Lebens ist. Daher sagt Augustinus (De Trin. i, 8), dass „die Betrachtung Gottes uns als das Ziel all unserer Handlungen und die ewige Vollendung unserer Freuden verheißen ist“. Diese Betrachtung wird im kommenden Leben vollkommen sein, wenn wir Gott von Angesicht zu Angesicht sehen werden, weshalb sie uns vollkommen glücklich machen wird: wohingegen uns jetzt die Betrachtung der göttlichen Wahrheit unvollkommen zukommt, nämlich „durch einen Spiegel“ und „in rätselhafter Weise“ (1 Kor 13,12). Daher verleiht sie uns eine gewisse anfanghafte Seligkeit, die jetzt beginnt und im kommenden Leben fortgesetzt wird; weshalb der Philosoph (Ethic. x, 7) die letzte Glückseligkeit des Menschen in die Betrachtung des höchsten intelligiblen Gutes setzt.
Da uns jedoch Gottes Wirkungen den Weg zur Betrachtung Gottes selbst weisen, gemäß Röm 1,20: „Das Unsichtbare Gottes ... wird an den Werken der Schöpfung wahrgenommen“, folgt daraus, dass auch die Betrachtung der göttlichen Wirkungen zum beschaulichen Leben gehört, insofern der Mensch dadurch zur Erkenntnis Gottes geführt wird. Daher sagt Augustinus (De Vera Relig. xxix), dass „wir beim Studium der Geschöpfe keine leere und nutzlose Neugier üben dürfen, sondern sie zum Trittstein zu unvergänglichen und ewigen Dingen machen sollen“.
Dementsprechend ist aus dem Gesagten (Artikel [1], 2, 3) klar, dass vier Dinge in einer gewissen Ordnung zum beschaulichen Leben gehören; erstens die sittlichen Tugenden; zweitens andere Akte, die die Kontemplation ausschließen; drittens die Betrachtung der göttlichen Wirkungen; viertens die Ergänzung von allem, welche die Betrachtung der göttlichen Wahrheit selbst ist.
Antwort auf Einwand 1: David suchte die Erkenntnis der Werke Gottes, damit er durch sie zu Gott geführt würde; weshalb er an anderer Stelle sagt (Ps 142,5.6): „Ich sann nach über all deine Werke: Ich sann nach über die Werke deiner Hände: Ich streckte meine Hände zu dir aus.“
Antwort auf Einwand 2: Durch die Erwägung der göttlichen Gerichte wird der Mensch zur Erwägung der göttlichen Gerechtigkeit geführt; und durch die Erwägung der göttlichen Wohltaten und Verheißungen wird der Mensch zur Erkenntnis der Barmherzigkeit oder Güte Gottes geführt, wie durch bereits offenbarte oder noch zu gewährende Wirkungen.
Antwort auf Einwand 3: Diese sechs bezeichnen die Stufen, auf denen wir mittels der Geschöpfe zur Betrachtung Gottes aufsteigen. Denn die erste Stufe besteht in der bloßen Erwägung sinnlicher Objekte; die zweite Stufe besteht im Fortschreiten von sinnlichen zu intelligiblen Objekten; die dritte Stufe ist, über sinnliche Objekte gemäß intelligiblen Dingen zu urteilen; die vierte ist die absolute Erwägung der intelligiblen Objekte, zu denen man mittels der sinnlichen gelangt ist; die fünfte ist die Betrachtung jener intelligiblen Objekte, die mittels der sinnlichen unerreichbar sind, die aber die Vernunft zu erfassen vermag; die sechste Stufe ist die Erwägung solcher intelligibler Dinge, die die Vernunft weder entdecken noch erfassen kann, welche zur erhabenen Betrachtung der göttlichen Wahrheit gehören, worin die Kontemplation letztlich vollendet wird.
Antwort auf Einwand 4: Die letzte Vollkommenheit des menschlichen Intellekts ist die göttliche Wahrheit: und andere Wahrheiten vervollkommnen den Intellekt in Beziehung zur göttlichen Wahrheit.