II-II, q. 180 a. 2
Ob die sittlichen Tugenden zum beschaulichen Leben gehören?
Quaestio 180 · Vom beschaulichen Leben
Einwand 1: Es scheint, dass die sittlichen Tugenden zum beschaulichen Leben gehören. Denn Gregor sagt (Hom. xiv in Ezech.), dass „das beschauliche Leben darin besteht, mit ganzem Sinn an der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu hängen“. Nun sind alle sittlichen Tugenden, da ihre Akte durch die Gebote des Gesetzes vorgeschrieben sind, auf die Liebe zu Gott und zum Nächsten zurückführbar, denn „die Liebe ... ist die Erfüllung des Gesetzes“ (Röm 13,10). Daher scheint es, dass die sittlichen Tugenden zum beschaulichen Leben gehören.
Einwand 2: Ferner ist das beschauliche Leben hauptsächlich auf die Betrachtung Gottes ausgerichtet; denn Gregor sagt (Hom. xiv in Ezech.), dass „der Geist alle Sorgen mit Füßen tritt und danach verlangt, das Angesicht seines Schöpfers zu schauen“. Nun kann dies niemand ohne Reinheit des Herzens erreichen, die ein Ergebnis der sittlichen Tugend ist. Denn es steht geschrieben (Mt 5,8): „Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen“: und (Hebr 12,14): „Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird.“ Daher scheint es, dass die sittlichen Tugenden zum beschaulichen Leben gehören.
Einwand 3: Ferner sagt Gregor (Hom. xiv in Ezech.), dass „das beschauliche Leben der Seele Schönheit verleiht“, weshalb es durch Rahel bezeichnet wird, von der gesagt wird (Gen 29,17), dass sie „von schöner Gestalt“ war. Nun besteht die Schönheit der Seele in den sittlichen Tugenden, besonders in der Mäßigung, wie Ambrosius sagt (De Offic. i, 43,45,46). Daher scheint es, dass die sittlichen Tugenden zum beschaulichen Leben gehören.
Dagegen spricht, Die sittlichen Tugenden sind auf äußere Handlungen ausgerichtet. Nun sagt Gregor (Moral. vi), dass es zum beschaulichen Leben gehört, „vom äußeren Handeln zu ruhen“. Daher gehören die sittlichen Tugenden nicht zum beschaulichen Leben.
Ich antworte darauf, Eine Sache kann auf zwei Arten zum beschaulichen Leben gehören: wesentlich oder dispositiv (als Vorbereitung). Die sittlichen Tugenden gehören nicht wesentlich zum beschaulichen Leben, weil das Ziel des beschaulichen Lebens die Betrachtung der Wahrheit ist: und wie der Philosoph feststellt (Ethic. ii, 4), hat das „Wissen“, das zur Betrachtung der Wahrheit gehört, „wenig Einfluss auf die sittlichen Tugenden“: weshalb er erklärt (Ethic. x, 8), dass die sittlichen Tugenden zur aktiven, nicht aber zur beschaulichen Glückseligkeit gehören.
Andererseits gehören die sittlichen Tugenden dispositiv zum beschaulichen Leben. Denn der Akt der Betrachtung, worin das beschauliche Leben wesentlich besteht, wird sowohl durch das Ungestüm der Leidenschaften behindert, die die Absicht der Seele von den intelligiblen auf die sinnlichen Dinge lenken, als auch durch äußere Störungen. Nun zügeln die sittlichen Tugenden das Ungestüm der Leidenschaften und beruhigen die Störung durch äußere Beschäftigungen. Daher gehören die sittlichen Tugenden dispositiv zum beschaulichen Leben.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben dargelegt (Artikel [1]), hat das beschauliche Leben seine bewegende Ursache aufseiten der Affekte, und in dieser Hinsicht ist die Liebe zu Gott und zum Nächsten für das beschauliche Leben erforderlich. Nun gehen bewegende Ursachen nicht in das Wesen einer Sache ein, sondern disponieren und vervollkommnen sie. Daher folgt nicht, dass die sittlichen Tugenden wesentlich zum beschaulichen Leben gehören.
Antwort auf Einwand 2: Heiligkeit oder Reinheit des Herzens wird durch die Tugenden verursacht, die sich mit den Leidenschaften befassen, welche die Reinheit der Vernunft behindern; und Friede wird durch Gerechtigkeit verursacht, die sich auf Handlungen bezieht, gemäß Jes 32,17: „Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein“: da derjenige, der sich enthält, anderen Unrecht zu tun, die Anlässe für Streit und Störungen verringert. Daher disponieren die sittlichen Tugenden zum beschaulichen Leben, indem sie Frieden und Reinheit des Herzens bewirken.
Antwort auf Einwand 3: Schönheit besteht, wie oben dargelegt (Frage [145], Artikel [2]), in einer gewissen Klarheit und angemessenen Proportion. Nun findet sich beides radikal in der Vernunft; denn sowohl das Licht, das Schönheit sichtbar macht, als auch die Herstellung einer angemessenen Proportion unter den Dingen gehören zur Vernunft. Da also das beschauliche Leben in einem Akt der Vernunft besteht, liegt in ihm Schönheit durch seine bloße Natur und sein Wesen; weshalb über die Betrachtung der Weisheit geschrieben steht (Weish 8,2): „Ich wurde ein Liebhaber ihrer Schönheit.“
Andererseits ist Schönheit in den sittlichen Tugenden durch Teilhabe, insofern sie an der Ordnung der Vernunft teilhaben; und besonders ist sie in der Mäßigung, welche die Begierden zügelt, die das Licht der Vernunft besonders verdunkeln. Daher kommt es, dass die Tugend der Keuschheit den Menschen am meisten zur Kontemplation befähigt, da geschlechtliche Lüste den Geist am meisten zu sinnlichen Objekten herabziehen, wie Augustinus sagt (Soliloq. i, 10).