II-II, q. 147 a. 8
Ob es angemessen ist, dass den Fastenden geboten wird, sich von Fleisch, Eiern und Milchspeisen zu enthalten?
Quaestio 147 · Vom Fasten
Einwand 1: Es scheint unangemessen, dass den Fastenden geboten wird, sich von Fleisch, Eiern und Milchspeisen zu enthalten. Denn es wurde oben dargelegt (Art. 6), dass das Fasten als Zügel für die Begierlichkeit des Fleisches eingesetzt wurde. Nun wird die Begierlichkeit mehr durch das Trinken von Wein entzündet als durch das Essen von Fleisch; gemäß Spr 20,1: „Der Wein ist ein üppiges Ding“, und Eph 5,18: „Berauscht euch nicht mit Wein, worin Ausschweifung ist.“ Da also jenen, die fasten, nicht verboten ist, Wein zu trinken, scheint es, dass ihnen nicht verboten sein sollte, Fleisch zu essen.
Einwand 2: Ferner sind manche Fische ebenso köstlich zu essen wie das Fleisch bestimmter Tiere. Nun ist „Begierlichkeit das Verlangen nach dem Köstlichen“, wie oben dargelegt (FS, Q. 30, Art. 1). Da also das Fasten, das eingesetzt wurde, um die Begierlichkeit zu zügeln, das Essen von Fisch nicht ausschließt, sollte es auch das Essen von Fleisch nicht ausschließen.
Einwand 3: Ferner machen die Leute an bestimmten Fasttagen Gebrauch von Eiern und Käse. Also kann man ebenso während des Fastens der Fastenzeit Gebrauch von ihnen machen.
Dagegen spricht der allgemeine Brauch der Gläubigen.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Art. 6), das Fasten von der Kirche eingesetzt wurde, um die Begierden des Fleisches zu zügeln, welche die Vergnügungen des Tastsinns in Verbindung mit Nahrung und Geschlecht betreffen. Daher verbot die Kirche jenen, die fasten, an solchen Speisen teilzuhaben, die sowohl dem Gaumen das meiste Vergnügen bereiten als auch außerdem ein sehr großer Anreiz zur Wollust sind. Solcher Art sind das Fleisch von Tieren, die auf der Erde ruhen, und von jenen, die die Luft atmen, und ihre Produkte, wie Milch von jenen, die auf der Erde gehen, und Eier von Vögeln. Denn da derartige Tiere dem Menschen im Körper ähnlicher sind, gewähren sie größeres Vergnügen als Nahrung und größere Ernährung für den menschlichen Körper, so dass aus ihrem Verzehr ein größerer Überschuss resultiert, der für die Samenmaterie verfügbar ist, welche, wenn sie reichlich vorhanden ist, ein großer Anreiz zur Wollust wird. Daher hat die Kirche jenen, die fasten, geboten, sich besonders von diesen Speisen zu enthalten.
Antwort auf Einwand 1: Drei Dinge wirken beim Akt der Zeugung zusammen, nämlich Wärme, Lebensgeist [spiritus] und Feuchtigkeit [humor]. Wein und andere Dinge, die den Körper erhitzen, tragen besonders zur Wärme bei: blähende Speisen wirken scheinbar bei der Erzeugung des Lebensgeistes mit: aber es ist hauptsächlich der Gebrauch von Fleisch, welcher am ergiebigsten an Nahrung ist, der zur Erzeugung von Feuchtigkeit beiträgt. Nun sind die durch Wärme verursachte Veränderung und die Zunahme an Lebensgeistern von kurzer Dauer, wohingegen die Substanz der Feuchtigkeit lange Zeit verbleibt. Daher ist jenen, die fasten, eher der Gebrauch von Fleisch verboten als von Wein oder Gemüse, welche blähende Speisen sind.
Antwort auf Einwand 2: Bei der Einsetzung des Fastens berücksichtigt die Kirche die häufigeren Vorkommnisse. Nun gewährt allgemein gesprochen das Essen von Fleisch mehr Vergnügen als das Essen von Fisch, obwohl dies nicht immer der Fall ist. Daher verbot die Kirche jenen, die fasten, eher Fleisch zu essen als Fisch zu essen.
Antwort auf Einwand 3: Eier und Milchspeisen sind jenen verboten, die fasten, insofern sie von Tieren stammen, die uns mit Fleisch versorgen: weshalb das Verbot von Fleisch Vorrang vor dem Verbot von Eiern und Milchspeisen hat. Wiederum ist das Fasten der Fastenzeit das feierlichste von allen, sowohl weil es in Nachahmung Christi gehalten wird, als auch weil es uns disponiert, die Geheimnisse unserer Erlösung andächtig zu feiern. Aus diesem Grund ist das Essen von Fleisch bei jedem Fasten verboten, während das Fasten der Fastenzeit sogar ein allgemeines Verbot über Eier und Milchspeisen verhängt. Was den Gebrauch der letzteren Dinge bei anderen Fasten betrifft, variiert der Brauch unter verschiedenen Völkern, und jede Person ist verpflichtet, sich jenem Brauch anzupassen, der bei denen in Schwang ist, unter denen sie wohnt. Daher sagt Hieronymus: „Jede Provinz möge bei ihrer eigenen Praxis bleiben und die Befehle der Ältesten betrachten, als wären sie die Gesetze der Apostel.“