II-II, q. 147 a. 1
Ob das Fasten ein Akt der Tugend ist?
Quaestio 147 · Vom Fasten
Einwand 1: Es scheint, dass das Fasten kein Akt der Tugend ist. Denn jeder Akt der Tugend ist Gott wohlgefällig. Das Fasten aber ist Gott nicht immer wohlgefällig, gemäß Jes 58,3: „Warum haben wir gefastet, und du hast es nicht angesehen?“ Also ist das Fasten kein Akt der Tugend.
Einwand 2: Ferner verlässt kein Akt der Tugend die Mitte der Tugend. Das Fasten aber verlässt die Mitte der Tugend, welche in der Tugend der Enthaltsamkeit die Notwendigkeit berücksichtigt, den Bedürfnissen der Natur Genüge zu tun; durch das Fasten aber wird ihr etwas davon entzogen: andernfalls hätten jene, die nicht fasten, nicht die Tugend der Enthaltsamkeit. Also ist das Fasten kein Akt der Tugend.
Einwand 3: Ferner ist das, was allen zukommt, sowohl den Guten als auch den Bösen, kein Akt der Tugend. Dies aber trifft auf das Fasten zu, da jeder nüchtern [fasting] ist, bevor er isst. Also ist das Fasten kein Akt der Tugend.
Dagegen spricht, dass es zusammen mit anderen tugendhaften Akten aufgezählt wird (2 Kor 6,5.6), wo der Apostel sagt: „In Fasten, in Erkenntnis, in Keuschheit usw.“
Ich antworte darauf, dass ein Akt dadurch tugendhaft ist, dass er durch die Vernunft auf ein ehrbares Gut [bonum honestum] hingeordnet wird. Dies nun trifft auf das Fasten zu, weil das Fasten zu einem dreifachen Zweck geübt wird. Erstens, um die Begierden des Fleisches zu zügeln, weshalb der Apostel sagt (2 Kor 6,5.6): „In Fasten, in Keuschheit“, da das Fasten der Wächter der Keuschheit ist. Denn gemäß Hieronymus „friert die Venus, wenn Ceres und Bacchus nicht da sind“, das heißt, die Wollust wird durch Enthaltsamkeit in Speise und Trank abgekühlt. Zweitens nehmen wir Zuflucht zum Fasten, damit der Geist sich freier zur Betrachtung der himmlischen Dinge erheben kann: daher wird von Daniel berichtet (Dan 10), dass er eine Offenbarung von Gott empfing, nachdem er drei Wochen lang gefastet hatte. Drittens, um für Sünden Genugtuung zu leisten: weshalb geschrieben steht (Joel 2,12): „Bekehrt euch zu mir von ganzem Herzen, in Fasten, in Weinen und in Klagen.“ Dasselbe erklärt Augustinus in einer Predigt: „Das Fasten reinigt die Seele, erhebt den Geist, unterwirft das eigene Fleisch dem Geiste, macht das Herz zerknirscht und demütig, zerstreut die Wolken der Begierlichkeit, löscht das Feuer der Wollust und entzündet das wahre Licht der Keuschheit.“
Antwort auf Einwand 1: Ein Akt, der der Gattung nach tugendhaft ist, kann durch seine Verbindung mit bestimmten Umständen lasterhaft werden. Daher fährt der Text fort zu sagen: „Siehe, am Tag eures Fastens wird euer eigener Wille gefunden“, und ein wenig weiter (Jes 58,4): „Ihr fastet zu Zank und Streit und schlagt gottlos mit der Faust.“ Diese Worte werden von Gregor (Pastor. iii, 19) wie folgt ausgelegt: „Der Wille zeigt Freude an und die Faust Zorn. Vergeblich also wird das Fleisch gezügelt, wenn der Geist, der ungeordneten Regungen überlassen wird, durch Laster zugrunde gerichtet wird.“ Und Augustinus sagt (in derselben Predigt), dass „das Fasten nicht viele Worte liebt, Reichtum für überflüssig hält, Stolz verachtet, Demut empfiehlt und dem Menschen hilft, wahrzunehmen, was gebrechlich und armselig ist.“
Antwort auf Einwand 2: Die Mitte der Tugend bemisst sich nicht nach der Quantität, sondern nach der rechten Vernunft, wie in Ethic. ii, 6 dargelegt. Nun urteilt die Vernunft, dass es aufgrund eines besonderen Beweggrundes für einen Menschen nützlich ist, weniger Nahrung zu sich zu nehmen, als ihm unter gewöhnlichen Umständen ziemen würde, zum Beispiel um Krankheit zu vermeiden oder um bestimmte körperliche Arbeiten mit größerer Leichtigkeit zu verrichten: und viel mehr noch richtet die Vernunft dies auf die Vermeidung geistlicher Übel und das Streben nach geistlichen Gütern. Doch entzieht die Vernunft der Natur nicht so viel an Nahrung, dass sie ihr die notwendige Stütze verweigert: so sagt Hieronymus: „Es macht keinen Unterschied, ob du dich in langer oder kurzer Zeit zerstörst, da den Körper unmäßig zu kasteien, sei es durch übermäßigen Mangel an Nahrung oder durch zu wenig Essen oder Schlafen, bedeutet, ein Opfer von gestohlenen Gütern darzubringen.“ In gleicher Weise entzieht die rechte Vernunft dem Menschen nicht so viel an Nahrung, dass er unfähig wird, seine Pflicht zu erfüllen. Daher sagt Hieronymus (an derselben Stelle): „Der vernunftbegabte Mensch verliert seine Würde, wenn er das Fasten der Keuschheit oder Nachtwachen dem Wohlbefinden seiner Sinne vorzieht.“
Antwort auf Einwand 3: Das Fasten der Natur, in Bezug auf welches ein Mensch als nüchtern [fasting] bezeichnet wird, bis er Nahrung zu sich nimmt, besteht in einer reinen Verneinung, weshalb es nicht als ein tugendhafter Akt gerechnet werden kann. Ein solcher ist nur das Fasten dessen, der sich aus einem vernünftigen Zweck in gewissem Maße der Nahrung enthält. Daher wird ersteres das natürliche Fasten [jejunium jejunii] genannt, während letzteres das Fasten des Fastenden genannt wird, weil er zu einem Zweck fastet.