I-II, q. 4 a. 8
Ob die Gemeinschaft von Freunden zur Glückseligkeit notwendig ist?
Quaestio 4 · Von dem, was zur Glückseligkeit erforderlich ist.
Einwand 1: Es scheint, dass Freunde zur Glückseligkeit notwendig sind. Denn die zukünftige Glückseligkeit wird von der Schrift häufig unter dem Namen „Herrlichkeit“ bezeichnet. Aber Herrlichkeit besteht darin, dass das Gut des Menschen zur Kenntnis vieler gebracht wird. Daher ist die Gemeinschaft von Freunden notwendig für die Glückseligkeit.
Einwand 2: Ferner sagt Boethius [*Seneca, Ep. 6], dass „es keine Wonne im Besitz irgendeines Gutes gibt, ohne jemanden, der es mit uns teilt“. Aber Wonne ist notwendig für die Glückseligkeit. Daher ist auch die Gemeinschaft von Freunden notwendig.
Einwand 3: Ferner wird die Liebe (caritas) in der Glückseligkeit vollendet. Aber die Liebe schließt die Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten ein. Daher scheint es, dass die Gemeinschaft von Freunden notwendig für die Glückseligkeit ist.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Weish 7,11): „Alle guten Dinge kamen mir zugleich mit ihr“, d. h. mit der göttlichen Weisheit, welche in der Betrachtung Gottes besteht. Folglich ist nichts anderes notwendig für die Glückseligkeit.
Ich antworte darauf, Wenn wir von der Glückseligkeit dieses Lebens sprechen, braucht der Glückliche Freunde, wie der Philosoph sagt (Ethic. ix, 9), nicht zwar, um sie zu nutzen, da er sich selbst genügt; noch um sich an ihnen zu ergötzen, da er vollkommene Wonne in der Tätigkeit der Tugend besitzt; sondern zum Zwecke einer guten Tätigkeit, nämlich damit er ihnen Gutes tun kann; damit er sich daran ergötzen kann, sie Gutes tun zu sehen; und wiederum, damit er von ihnen in seinem guten Werk unterstützt werde. Denn damit der Mensch wohl handeln kann, sei es in den Werken des aktiven Lebens oder in denen des kontemplativen Lebens, bedarf er der Gemeinschaft von Freunden.
Aber wenn wir von der vollkommenen Glückseligkeit sprechen, die in unserem himmlischen Vaterland sein wird, ist die Gemeinschaft von Freunden nicht wesentlich für die Glückseligkeit; da der Mensch die ganze Fülle seiner Vollkommenheit in Gott hat. Aber die Gemeinschaft von Freunden trägt zum Wohlsein der Glückseligkeit bei. Daher sagt Augustinus (Gen. ad lit. viii, 25), dass „die geistigen Geschöpfe keine andere innere Hilfe zur Glückseligkeit empfangen als die Ewigkeit, Wahrheit und Liebe des Schöpfers. Aber wenn man sagen kann, dass ihnen von außen geholfen wird, so vielleicht nur dadurch, dass sie einander sehen und sich in Gott an ihrer Gemeinschaft freuen.“
Antwort auf Einwand 1: Jene Herrlichkeit, die wesentlich für die Glückseligkeit ist, ist diejenige, die der Mensch nicht bei den Menschen, sondern bei Gott hat.
Antwort auf Einwand 2: Dieser Ausspruch ist vom Besitz eines Gutes zu verstehen, das nicht völlig befriedigt. Dies trifft auf die betrachtete Frage nicht zu; weil der Mensch in Gott eine Genüge jedes Gutes besitzt.
Antwort auf Einwand 3: Die Vollkommenheit der Liebe ist wesentlich für die Glückseligkeit, was die Liebe zu Gott betrifft, aber nicht was die Liebe zu unserem Nächsten betrifft. Weshalb, wenn es nur eine Seele gäbe, die Gott genießt, sie glückselig wäre, obwohl sie keinen Nächsten zu lieben hätte. Aber angenommen, ein Nächster wäre dort, so resultiert die Liebe zu ihm aus der vollkommenen Liebe zu Gott. Folglich ist die Freundschaft gleichsam eine Begleiterscheinung der vollkommenen Glückseligkeit.