I-II, q. 4 a. 5
Ob der Leib zur Glückseligkeit des Menschen notwendig ist?
Quaestio 4 · Von dem, was zur Glückseligkeit erforderlich ist.
Einwand 1: Es scheint, dass der Leib zur Glückseligkeit notwendig ist. Denn die Vollkommenheit der Tugend und der Gnade setzt die Vollkommenheit der Natur voraus. Aber die Glückseligkeit ist die Vollkommenheit der Tugend und der Gnade. Nun hat die Seele ohne den Leib nicht die Vollkommenheit der Natur; da sie von Natur aus ein Teil der menschlichen Natur ist, und jeder Teil unvollkommen ist, solange er von seinem Ganzen getrennt ist. Daher kann die Seele ohne den Leib nicht glückselig sein.
Einwand 2: Ferner ist die Glückseligkeit eine vollkommene Tätigkeit, wie oben dargelegt (Frage [3], Artikel [2],5). Aber vollkommene Tätigkeit folgt auf vollkommenes Sein: da nichts tätig ist, außer insofern es ein aktuelles Seiendes ist. Da also die Seele kein vollkommenes Sein hat, solange sie vom Leib getrennt ist, so wie auch ein Teil es nicht hat, solange er von seinem Ganzen getrennt ist, scheint es, dass die Seele ohne den Leib nicht glückselig sein kann.
Einwand 3: Ferner ist die Glückseligkeit die Vollkommenheit des Menschen. Aber die Seele ohne den Leib ist nicht der Mensch. Daher kann die Glückseligkeit nicht in der vom Leib getrennten Seele sein.
Einwand 4: Ferner wird gemäß dem Philosophen (Ethic. vii, 13) „die Tätigkeit der Seligkeit“, in welcher Tätigkeit die Glückseligkeit besteht, „nicht gehindert“. Aber die Tätigkeit der getrennten Seele ist gehindert; weil, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. xii, 35), die Seele „ein natürliches Verlangen hat, den Leib zu verwalten, dessen Ergebnis ist, dass sie sozusagen davon zurückgehalten wird, mit ihrer ganzen Kraft zur himmlischen Reise zu streben“, d. h. zur Schau des göttlichen Wesens. Daher kann die Seele ohne den Leib nicht glückselig sein.
Einwand 5: Ferner ist die Glückseligkeit das hinreichende Gut und stillt das Verlangen. Dies aber kann von der getrennten Seele nicht gesagt werden; denn sie verlangt noch, mit dem Leib vereint zu werden, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. xii, 35). Daher ist die Seele nicht glückselig, solange sie vom Leib getrennt ist.
Einwand 6: Ferner ist der Mensch in der Glückseligkeit den Engeln gleich. Aber die Seele ohne den Leib ist den Engeln nicht gleich, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. xii, 35). Daher ist sie nicht glückselig.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Offb 14,13): „Selig sind die Toten, die im Herrn sterben.“
Ich antworte darauf, Die Glückseligkeit ist zweifach; die eine ist unvollkommen und wird in diesem Leben gehabt; die andere ist vollkommen und besteht in der Schau Gottes. Nun ist es offensichtlich, dass der Leib für die Glückseligkeit dieses Lebens notwendig ist. Denn die Glückseligkeit dieses Lebens besteht in einer Tätigkeit des Verstandes, entweder der spekulativen oder der praktischen. Und die Tätigkeit des Verstandes in diesem Leben kann nicht ohne ein Phantasma sein, welches nur in einem körperlichen Organ ist, wie im Ersten Teil, Frage [84], Artikel [6],7 gezeigt wurde. Folglich hängt jene Glückseligkeit, die in diesem Leben gehabt werden kann, in gewisser Weise vom Leib ab. Was aber die vollkommene Glückseligkeit betrifft, die in der Schau Gottes besteht, so haben einige behauptet, dass sie für die vom Leib getrennte Seele nicht möglich sei; und haben gesagt, dass die Seelen der Heiligen, wenn sie von ihren Leibern getrennt sind, nicht zu jener Glückseligkeit gelangen bis zum Tag des Gerichts, wenn sie ihre Leiber wiedererhalten werden. Und dies wird als falsch erwiesen, sowohl durch Autorität als auch durch Vernunft. Durch Autorität, da der Apostel sagt (2 Kor 5,6): „Solange wir im Leibe sind, sind wir fern vom Herrn“; und er zeigt den Grund dieser Abwesenheit auf, indem er sagt: „Denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.“ Nun ist hieraus klar, dass wir, solange wir im Glauben wandeln und nicht im Schauen, beraubt der Schau des göttlichen Wesens, dem Herrn nicht gegenwärtig sind. Aber die Seelen der Heiligen, getrennt von ihren Leibern, sind in Gottes Gegenwart; weshalb der Text fortfährt: „Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen... und daheim zu sein bei dem Herrn.“ Woraus offensichtlich ist, dass die Seelen der Heiligen, getrennt von ihren Leibern, „im Schauen wandeln“, indem sie das Wesen Gottes schauen, worin die wahre Glückseligkeit liegt.
Wiederum wird dies durch die Vernunft klar gemacht. Denn der Verstand bedarf des Leibes für seine Tätigkeit nicht, außer wegen der Phantasmen, in denen er auf die intelligible Wahrheit blickt, wie im Ersten Teil, Frage [84], Artikel [7] dargelegt. Nun ist es offensichtlich, dass das göttliche Wesen nicht mittels Phantasmen gesehen werden kann, wie im Ersten Teil, Frage [12], Artikel [3] dargelegt. Weshalb, da die vollkommene Glückseligkeit des Menschen in der Schau des göttlichen Wesens besteht, sie nicht vom Leib abhängt. Folglich kann die Seele ohne den Leib glückselig sein.
Wir müssen jedoch beachten, dass etwas zur Vollkommenheit einer Sache auf zwei Weisen gehören kann. Erstens, als das Wesen derselben konstituierend; so ist die Seele notwendig für die Vollkommenheit des Menschen. Zweitens, als notwendig für ihr Wohlsein: so gehören Schönheit des Leibes und Schärfe des Verstandes zur Vollkommenheit des Menschen. Weshalb, obwohl der Leib nicht auf die erste Weise zur Vollkommenheit der menschlichen Glückseligkeit gehört, er doch auf die zweite Weise dazu gehört. Denn da die Tätigkeit von der Natur eines Dinges abhängt, hat die Seele, je vollkommener sie in ihrer Natur ist, desto vollkommener ihre eigentümliche Tätigkeit, worin ihre Glückseligkeit besteht. Daher antwortet Augustinus, nachdem er gefragt hat (Gen. ad lit. xii, 35), „ob jene vollkommene Glückseligkeit den vom Leib getrennten Seelen der Toten zugeschrieben werden kann“, dass „sie die unveränderliche Substanz nicht so sehen können, wie die seligen Engel sie sehen; entweder aus irgendeinem anderen verborgeneren Grund oder weil sie ein natürliches Verlangen haben, den Leib zu verwalten.“
Antwort auf Einwand 1: Die Glückseligkeit ist die Vollkommenheit der Seele seitens des Verstandes, in Bezug auf welchen die Seele die Organe des Leibes überragt; aber nicht insofern die Seele die natürliche Form des Leibes ist. Weshalb die Seele jene natürliche Vollkommenheit behält, in Bezug auf welche ihr die Glückseligkeit gebührt, obwohl sie nicht jene natürliche Vollkommenheit behält, in Bezug auf welche sie die Form des Leibes ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Beziehung der Seele zum Sein ist nicht dieselbe wie die anderer Teile: denn das Sein des Ganzen ist nicht das irgendeines einzelnen Teils: weshalb entweder der Teil gänzlich aufhört zu sein, wenn das Ganze zerstört wird, so wie die Teile eines Tieres, wenn das Tier zerstört wird; oder, wenn sie bleiben, haben sie ein anderes aktuelles Sein, so wie ein Teil einer Linie ein anderes Sein hat als das der ganzen Linie. Aber die menschliche Seele behält das Sein des Zusammengesetzten nach der Zerstörung des Leibes bei: und dies, weil das Sein der Form dasselbe ist wie das ihrer Materie, und dies ist das Sein des Zusammengesetzten. Nun subsistiert die Seele in ihrem eigenen Sein, wie im Ersten Teil, Frage [75], Artikel [2] dargelegt. Es folgt daher, dass sie nach der Trennung vom Leib vollkommenes Sein hat und dass sie folglich eine vollkommene Tätigkeit haben kann; obwohl sie nicht die vollkommene spezifische Natur hat.
Antwort auf Einwand 3: Die Glückseligkeit gehört dem Menschen in Bezug auf seinen Verstand zu: und deshalb, da der Verstand bleibt, kann er Glückseligkeit haben. So können die Zähne eines Äthiopiers, in Bezug auf welche er als weiß bezeichnet wird, ihre Weiße behalten, selbst nach der Extraktion.
Antwort auf Einwand 4: Ein Ding wird durch ein anderes auf zwei Weisen gehindert. Erstens durch Art des Gegensatzes; so hindert Kälte die Wirkung von Hitze: und ein solches Hindernis für die Tätigkeit ist mit der Glückseligkeit unvereinbar. Zweitens durch Art irgendeines Mangels, weil nämlich das, was gehindert wird, nicht alles hat, was notwendig ist, um es in jeder Weise vollkommen zu machen: und ein solches Hindernis für die Tätigkeit ist nicht unvereinbar mit der Glückseligkeit, sondern hindert sie daran, in jeder Weise vollkommen zu sein. Und so wird gesagt, dass die Trennung vom Leib die Seele davon zurückhält, mit ihrer ganzen Kraft zur Schau des göttlichen Wesens zu streben. Denn die Seele verlangt, Gott auf solche Weise zu genießen, dass der Genuss auch auf den Leib überfließe, soweit wie möglich. Und deshalb, solange sie Gott genießt ohne die Gemeinschaft des Leibes, ruht ihr Begehren in dem, was sie hat, auf solche Weise, dass sie immer noch wünschen würde, dass der Leib seinen Anteil erlange.
Antwort auf Einwand 5: Das Verlangen der getrennten Seele ist gänzlich zur Ruhe gekommen, was das begehrte Ding betrifft; da sie nämlich das hat, was ihrem Begehren genügt. Aber es ist nicht gänzlich zur Ruhe gekommen, was den Begehrenden betrifft, da sie jenes Gut nicht in jeder Weise besitzt, wie sie es zu besitzen wünschen würde. Folglich nimmt nach der Wiederannahme des Leibes die Glückseligkeit nicht an Intensität zu, sondern an Ausdehnung.
Antwort auf Einwand 6: Die Aussage (Gen. ad lit. xii, 35), dass „die Seelen der Verstorbenen Gott nicht so sehen wie die Engel“, ist nicht so zu verstehen, dass sie sich auf eine Ungleichheit der Quantität bezieht; weil schon jetzt einige Seelen der Seligen zu den höheren Ordnungen der Engel erhoben sind und so Gott klarer sehen als die niedrigeren Engel. Sondern sie bezieht sich auf eine Ungleichheit der Proportion: weil die Engel, selbst die niedrigsten, jede Vollkommenheit der Glückseligkeit haben, die sie jemals haben werden, wohingegen die getrennten Seelen der Heiligen dies nicht haben.