I-II, q. 4 a. 2
Ob in der Glückseligkeit die Schauung höher steht als die Wonne?
Quaestio 4 · Von dem, was zur Glückseligkeit erforderlich ist.
Einwand 1: Es scheint, dass in der Glückseligkeit die Wonne höher steht als die Schauung. Denn „die Wonne ist die Vollendung der Tätigkeit“ (Ethic. x, 4). Aber die Vollendung steht höher als das Vervollkommnete. Daher steht die Wonne höher als die Tätigkeit des Verstandes, d. h. die Schauung.
Einwand 2: Ferner ist dasjenige, um dessentwillen ein Ding begehrenswert ist, noch begehrenswerter. Aber Tätigkeiten werden wegen der Wonne begehrt, die sie gewähren: daher hat auch die Natur jenen Tätigkeiten, die für die Erhaltung des Individuums und der Art notwendig sind, Wonne beigefügt, damit die Lebewesen solche Tätigkeiten nicht vernachlässigen. Daher steht in der Glückseligkeit die Wonne höher als die Tätigkeit des Verstandes, welche die Schauung ist.
Einwand 3: Ferner entspricht die Schauung dem Glauben; während Wonne oder Genuss der Liebe (caritas) entspricht. Aber die Liebe steht höher als der Glaube, wie der Apostel sagt (1 Kor 13,13). Daher steht Wonne oder Genuss höher als die Schauung.
Dagegen spricht, dass die Ursache größer ist als ihre Wirkung. Aber die Schauung ist die Ursache der Wonne. Daher steht die Schauung höher als die Wonne.
Ich antworte darauf, dass der Philosoph diese Frage erörtert (Ethic. x, 4) und sie ungelöst lässt. Wenn man die Sache jedoch sorgfältig betrachtet, muss die Tätigkeit des Verstandes, welche die Schauung ist, notwendigerweise höher stehen als die Wonne. Denn die Wonne besteht in einer gewissen Ruhe des Willens. Dass nun der Wille in irgendetwas Ruhe findet, kann nur aufgrund der Güte jenes Dinges geschehen, in dem er ruht. Wenn also der Wille in einer Tätigkeit ruht, wird die Ruhe des Willens durch die Güte der Tätigkeit verursacht. Auch sucht der Wille das Gute nicht um der Ruhe willen; denn so wäre der Akt des Willens selbst das Ziel, was oben widerlegt wurde (Frage [1], Artikel [1], ad 2; Frage [3], Artikel [4]): sondern er sucht in der Tätigkeit zu ruhen, weil diese Tätigkeit sein Gut ist. Folglich ist es offensichtlich, dass die Tätigkeit, in welcher der Wille ruht, höher steht als das Ruhen des Willens darin.
Antwort auf Einwand 1: Wie der Philosoph sagt (Ethic. x, 4), „vervollkommnet die Wonne die Tätigkeit wie die Blüte die Jugend“, weil sie eine Folge der Jugend ist. Folglich ist die Wonne eine Vollkommenheit, die die Schauung begleitet; aber nicht eine Vollkommenheit, durch welche die Schauung in ihrer eigenen Art vollendet wird.
Antwort auf Einwand 2: Die Wahrnehmung der Sinne erreicht nicht das universale Gute, sondern irgendein partikulares Gut, das ergötzlich ist. Und folglich werden gemäß dem sinnlichen Begehren, das in den Tieren ist, Tätigkeiten um der Wonne willen gesucht. Aber der Verstand erfasst das universale Gute, dessen Erlangung zur Wonne führt: weshalb sein Zweck eher auf das Gute als auf die Wonne gerichtet ist. Daher kommt es, dass der göttliche Verstand, welcher der Urheber der Natur ist, den Tätigkeiten Wonnen beigefügt hat um der Tätigkeiten willen. Und wir sollten unsere Einschätzung der Dinge nicht einfach gemäß der Ordnung des sinnlichen Begehrens bilden, sondern vielmehr gemäß der Ordnung des geistigen Begehrens.
Antwort auf Einwand 3: Die Liebe (caritas) scheint nicht das geliebte Gut um der Wonne willen zu sein: es ist für die Liebe eine Folge, dass sie sich an dem erlangten Gut, das sie liebt, ergötzt. So entspricht die Wonne der Liebe nicht als ihr Ziel, sondern die Schauung tut dies, durch welche das Ziel der Liebe zuerst gegenwärtig gemacht wird.