I-II, q. 4 a. 1
Ob die Wonne zur Glückseligkeit erforderlich ist?
Quaestio 4 · Von dem, was zur Glückseligkeit erforderlich ist.
Einwand 1: Es scheint, dass die Wonne zur Glückseligkeit nicht erforderlich ist. Denn Augustinus sagt (De Trin. i, 8), dass „die Schauung der ganze Lohn des Glaubens ist“. Aber der Preis oder Lohn der Tugend ist die Glückseligkeit, wie der Philosoph klar feststellt (Ethic. i, 9). Daher ist außer der Schauung nichts für die Glückseligkeit erforderlich.
Einwand 2: Ferner ist die Glückseligkeit „das genügsamste aller Güter“, wie der Philosoph erklärt (Ethic. i, 7). Dasjenige aber, das etwas anderes benötigt, ist nicht sich selbst genügend. Da also das Wesen der Glückseligkeit in der Schau Gottes besteht, wie oben dargelegt wurde (Frage [3], Artikel [8]), scheint es, dass die Wonne für die Glückseligkeit nicht notwendig ist.
Einwand 3: Ferner sollte die „Tätigkeit der Seligkeit oder Glückseligkeit ungehindert sein“ (Ethic. vii, 13). Die Wonne aber hindert die Tätigkeit des Verstandes: denn sie zerstört das Urteil der Klugheit (Ethic. vi, 5). Daher ist die Wonne für die Glückseligkeit nicht notwendig.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Confess. x, 23), die Glückseligkeit sei „Freude an der Wahrheit“.
Ich antworte darauf, dass eine Sache für eine andere auf vierfache Weise notwendig sein kann. Erstens als Vorstufe und Vorbereitung dazu: so ist die Unterweisung notwendig für die Wissenschaft. Zweitens als deren Vervollkommnung: so ist die Seele notwendig für das Leben des Leibes. Drittens als Hilfe von außen: so sind Freunde notwendig für ein Vorhaben. Viertens als etwas, das sie begleitet: so könnten wir sagen, dass Hitze notwendig ist für das Feuer. Und auf diese Weise ist die Wonne notwendig für die Glückseligkeit. Denn sie wird dadurch verursacht, dass das Begehren in dem erlangten Gut ruht. Da also die Glückseligkeit nichts anderes ist als die Erlangung des höchsten Gutes, kann sie nicht ohne die begleitende Wonne sein.
Antwort auf Einwand 1: Eben dadurch, dass jemandem ein Lohn gegeben wird, kommt der Wille dessen, der ihn verdient, zur Ruhe, und darin besteht die Wonne. Folglich ist die Wonne im Begriff des Lohnes selbst eingeschlossen.
Antwort auf Einwand 2: Der Anblick Gottes selbst verursacht Wonne. Folglich kann derjenige, der Gott schaut, der Wonne nicht bedürfen [als etwas Äußerem], da er sie besitzt.
Antwort auf Einwand 3: Die Wonne, welche die Tätigkeit des Verstandes begleitet, hindert sie nicht, sondern vervollkommnet sie vielmehr, wie in Ethic. x, 4 dargelegt wird: denn was wir mit Wonne tun, das tun wir mit größerer Sorgfalt und Ausdauer. Andererseits ist eine Wonne, die der Tätigkeit fremd ist, ein Hindernis für diese: manchmal, indem sie die Aufmerksamkeit ablenkt, weil wir, wie bereits bemerkt, auf jene Dinge aufmerksamer sind, die uns ergötzen; und wenn wir sehr aufmerksam auf eine Sache sind, müssen wir notwendigerweise weniger aufmerksam auf eine andere sein: manchmal aufgrund von Gegensätzlichkeit; so hindert eine sinnliche Wonne, die der Vernunft zuwiderläuft, das Urteil der Klugheit mehr, als sie das Urteil des spekulativen Verstandes hindert.