I-II, q. 4 a. 3
Ob das Erfassen (comprehensio) zur Glückseligkeit notwendig ist?
Quaestio 4 · Von dem, was zur Glückseligkeit erforderlich ist.
Einwand 1: Es scheint, dass das Erfassen nicht zur Glückseligkeit notwendig ist. Denn Augustinus sagt (Ad Paulinam de Videndo Deum; [*Cf. Serm. xxxciii De Verb. Dom.]): „Gott mit dem Geiste zu erreichen ist Glückseligkeit, Ihn zu erfassen (comprehendere) ist unmöglich.“ Daher ist die Glückseligkeit ohne Erfassen.
Einwand 2: Ferner ist die Glückseligkeit die Vollendung des Menschen hinsichtlich seines intellektiven Teils, worin es keine anderen Kräfte gibt als den Verstand und den Willen, wie im Ersten Teil, Fragen [79] und folgende, dargelegt wurde. Aber der Verstand wird hinreichend vervollkommnet durch die Schau Gottes, und der Wille durch den Genuss an Ihm. Daher besteht keine Notwendigkeit für das Erfassen als ein Drittes.
Einwand 3: Ferner besteht die Glückseligkeit in einer Tätigkeit. Aber Tätigkeiten werden durch ihre Objekte bestimmt: und es gibt zwei universale Objekte, das Wahre und das Gute: von denen das Wahre der Schauung entspricht und das Gute der Wonne. Daher besteht keine Notwendigkeit für das Erfassen als ein Drittes.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (1 Kor 9,24): „Laufet so, dass ihr es ergreift [Douay: 'comprehend'].“ Aber die Glückseligkeit ist das Ziel des geistlichen Wettlaufs: daher sagt er (2 Tim 4,7.8): „Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe meinen Lauf vollendet, ich habe den Glauben bewahrt; im Übrigen ist mir eine Krone der Gerechtigkeit hinterlegt.“ Daher ist das Erfassen notwendig für die Glückseligkeit.
Ich antworte darauf, Da die Glückseligkeit im Erlangen des letzten Ziels besteht, müssen jene Dinge, die für die Glückseligkeit erforderlich sind, daraus abgeleitet werden, wie der Mensch auf ein Ziel hingeordnet ist. Nun ist der Mensch auf ein intelligibles Ziel teils durch seinen Verstand und teils durch seinen Willen hingeordnet: durch seinen Verstand, insofern eine gewisse unvollkommene Kenntnis des Ziels im Verstand präexistiert: durch den Willen, erstens durch die Liebe, welche die erste Bewegung des Willens zu irgendetwas hin ist; zweitens durch eine reale Beziehung des Liebenden zum Geliebten, welche Beziehung dreifach sein kann. Denn manchmal ist das Geliebte dem Liebenden gegenwärtig: und dann wird es nicht mehr gesucht. Manchmal ist es nicht gegenwärtig, und es ist unmöglich, es zu erlangen: und dann wird es auch nicht gesucht. Aber manchmal ist es möglich, es zu erlangen, doch ist es über die Fähigkeit des Erlangenden erhoben, so dass er es nicht sogleich haben kann; und dies ist die Beziehung dessen, der hofft, zu dem, was er erhofft, und diese Beziehung allein verursacht eine Suche nach dem Ziel. Diesen dreien entsprechen drei in der Glückseligkeit selbst. Denn die vollkommene Kenntnis des Ziels entspricht der unvollkommenen Kenntnis; die Gegenwart des Ziels entspricht der Beziehung der Hoffnung; aber die Wonne am nun gegenwärtigen Ziel resultiert aus der Liebe, wie bereits dargelegt (Artikel [2], ad 3). Und deshalb müssen diese drei bei der Glückseligkeit zusammentreffen; nämlich Schauung, welche die vollkommene Kenntnis des intelligiblen Ziels ist; Erfassen, welches die Gegenwart des Ziels impliziert; und Wonne oder Genuss, welcher das Ruhen des Liebenden im geliebten Objekt impliziert.
Antwort auf Einwand 1: Erfassen ist zweifach. Erstens, das Umschließen des Erfassten im Erfassenden; und so ist alles, was vom Endlichen erfasst wird, selbst endlich. Weshalb Gott von einem geschaffenen Verstand auf diese Weise nicht erfasst werden kann. Zweitens bedeutet Erfassen nichts anderes als das Festhalten von etwas bereits Gegenwärtigem und Besessenem: so sagt man von einem, der einem anderen nachläuft, dass er ihn erfasst [im Englischen würden wir sagen 'fängt'], wenn er ihn festhält. Und in diesem Sinne ist das Erfassen notwendig für die Glückseligkeit.
Antwort auf Einwand 2: So wie Hoffnung und Liebe zum Willen gehören, weil es derselbe ist, der ein Ding liebt und der danach strebt, solange es nicht besessen wird, so gehören auch Erfassen und Wonne zum Willen, da es derselbe ist, der ein Ding besitzt und darin ruht.
Antwort auf Einwand 3: Das Erfassen ist keine von der Schauung verschiedene Tätigkeit, sondern eine gewisse Beziehung zum bereits erlangten Ziel. Weshalb sogar die Schauung selbst, oder das gesehene Ding, insofern es gegenwärtig ist, das Objekt des Erfassens ist.