I-II, q. 4 a. 7
Ob irgendwelche äußeren Güter zur Glückseligkeit notwendig sind?
Quaestio 4 · Von dem, was zur Glückseligkeit erforderlich ist.
Einwand 1: Es scheint, dass auch äußere Güter zur Glückseligkeit notwendig sind. Denn das, was den Heiligen als Lohn versprochen wird, gehört zur Glückseligkeit. Aber äußere Güter werden den Heiligen versprochen; zum Beispiel Speise und Trank, Reichtum und ein Königreich: denn es wird gesagt (Lk 22,30): „Dass ihr esset und trinket an meinem Tisch in meinem Reich“: und (Mt 6,20): „Sammelt euch Schätze im Himmel“: und (Mt 25,34): „Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich.“ Daher sind äußere Güter notwendig für die Glückseligkeit.
Einwand 2: Ferner ist gemäß Boethius (De Consol. iii) die Glückseligkeit „ein durch den Inbegriff aller Güter vollkommener Zustand“. Aber einige der Güter des Menschen sind äußerlich, obwohl sie von geringstem Wert sind, wie Augustinus sagt (De Lib. Arb. ii, 19). Daher sind auch sie notwendig für die Glückseligkeit.
Einwand 3: Ferner sagte unser Herr (Mt 5,12): „Euer Lohn ist sehr groß im Himmel.“ Aber im Himmel zu sein impliziert, an einem Ort zu sein. Daher ist zumindest ein äußerer Ort notwendig für die Glückseligkeit.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ps 72,25): „Was habe ich im Himmel? und außer Dir was begehre ich auf Erden?“ Als ob er sagen wollte: „Ich begehre nichts als dies“, – „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Daher ist nichts weiter Äußerliches notwendig für die Glückseligkeit.
Ich antworte darauf, Für die unvollkommene Glückseligkeit, wie sie in diesem Leben gehabt werden kann, sind äußere Güter notwendig, nicht als zum Wesen der Glückseligkeit gehörend, sondern indem sie als Werkzeuge für die Glückseligkeit dienen, welche in einer Tätigkeit der Tugend besteht, wie in Ethic. i, 13 dargelegt. Denn der Mensch bedarf in diesem Leben der Notwendigkeiten des Leibes, sowohl für die Tätigkeit der kontemplativen Tugend als auch für die Tätigkeit der aktiven Tugend, für welche letztere er auch viele andere Dinge benötigt, mittels derer er ihre Tätigkeiten verrichten kann.
Andererseits sind derartige Güter in keiner Weise notwendig für die vollkommene Glückseligkeit, welche im Schauen Gottes besteht. Der Grund hierfür ist, dass alle derartigen äußeren Güter entweder für den Unterhalt des tierischen Leibes erforderlich sind; oder für gewisse Tätigkeiten, die zum menschlichen Leben gehören, welche wir mittels des tierischen Leibes verrichten: wohingegen jene vollkommene Glückseligkeit, die im Schauen Gottes besteht, entweder in der vom Leib getrennten Seele sein wird oder in der mit dem Leib vereinten Seele, der dann nicht mehr tierisch, sondern geistig ist. Folglich sind diese äußeren Güter in keiner Weise notwendig für jene Glückseligkeit, da sie auf das tierische Leben hingeordnet sind. Und da in diesem Leben die Seligkeit der Kontemplation, da sie gottähnlicher ist, der Ähnlichkeit jener vollkommenen Glückseligkeit näher kommt als die der Aktion, steht sie daher in geringerem Bedarf dieser Güter des Leibes, wie in Ethic. x, 8 dargelegt.
Antwort auf Einwand 1: Alle jene materiellen Verheißungen, die in der Heiligen Schrift enthalten sind, sind metaphorisch zu verstehen, insofern die Schrift gewohnt ist, geistige Dinge unter der Form körperlicher Dinge auszudrücken, damit „wir von Dingen, die wir kennen, zum Verlangen nach unbekannten Dingen aufsteigen mögen“, wie Gregor sagt (Hom. xi in Evang.). So bezeichnen Speise und Trank die Wonne der Glückseligkeit; Reichtum die Genügsamkeit Gottes für den Menschen; das Königreich die Erhebung des Menschen zur Vereinigung mit Gott.
Antwort auf Einwand 2: Diese Güter, die dem tierischen Leben dienen, sind unvereinbar mit jenem geistigen Leben, worin die vollkommene Glückseligkeit besteht. Dennoch wird es in jener Glückseligkeit den Inbegriff aller guten Dinge geben, weil, was immer an Gutem in diesen Dingen ist, wir es alles im höchsten Quell der Güte besitzen werden.
Antwort auf Einwand 3: Gemäß Augustinus (De Serm. Dom. in Monte i, 5) ist es nicht der materielle Himmel, der als der Lohn der Heiligen beschrieben wird, sondern ein auf der Höhe geistiger Güter errichteter Himmel. Dennoch wird den Seligen ein körperlicher Ort, nämlich der empyreische Himmel, zugewiesen werden, nicht als ein Bedürfnis der Glückseligkeit, sondern aufgrund einer gewissen Angemessenheit und Zierde.