I-II, q. 1 a. 6
Ob der Mensch alles, was immer er will, um des letzten Zieles willen will?
Quaestio 1 · Vom letzten Ziel des Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass der Mensch nicht alles, was immer er will, um des letzten Zieles willen will. Denn Dinge, die auf das letzte Ziel hingeordnet sind, werden als ernste Angelegenheit bezeichnet, da sie nützlich sind. Aber Scherze sind der ernsten Angelegenheit fremd. Also ordnet der Mensch das, was er im Scherz tut, nicht auf das letzte Ziel hin.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph am Anfang seiner Metaphysik 1,[2], dass die spekulative Wissenschaft um ihrer selbst willen gesucht wird. Nun kann nicht gesagt werden, dass jede spekulative Wissenschaft das letzte Ziel ist. Also begehrt der Mensch nicht alles, was immer er begehrt, um des letzten Zieles willen.
Einwand 3: Ferner denkt jeder, der etwas auf einen Zweck hin ordnet, an diesen Zweck. Aber der Mensch denkt nicht immer an das letzte Ziel bei allem, was er begehrt oder tut. Also begehrt oder tut der Mensch nicht alles um des letzten Zieles willen.
Dagegen spricht: Augustinus sagt (De Civ. Dei xix, 1): „Das ist der Zweck unseres Guten, um dessentwillen wir andere Dinge lieben, während wir es um seiner selbst willen lieben.“
Ich antworte darauf: Der Mensch muss notwendigerweise alles, was immer er begehrt, um des letzten Zieles willen begehren. Dies ist aus zwei Gründen offensichtlich. Erstens, weil, was immer der Mensch begehrt, er unter dem Aspekt des Guten begehrt. Und wenn er es nicht als sein vollkommenes Gut begehrt, welches das letzte Ziel ist, muss er es notwendigerweise als zum vollkommenen Gut tendierend begehren, weil der Anfang von irgendetwas immer auf seine Vollendung hingeordnet ist; wie es sowohl bei den Wirkungen der Natur als auch der Kunst klar der Fall ist. Weshalb jeder Anfang der Vollkommenheit auf die vollständige Vollkommenheit hingeordnet ist, welche durch das letzte Ziel erreicht wird. Zweitens, weil das letzte Ziel in derselben Beziehung beim Bewegen des Begehrens steht wie der erste Beweger bei anderen Bewegungen. Nun ist es klar, dass sekundäre bewegende Ursachen nicht bewegen, außer insofern sie vom ersten Beweger bewegt werden. Daher bewegen sekundäre Objekte des Begehrens das Begehren nicht, außer als auf das erste Objekt des Begehrens hingeordnet, welches das letzte Ziel ist.
Antwort auf Einwand 1: Handlungen, die scherzhaft getan werden, sind auf keinen äußeren Zweck gerichtet; sondern lediglich auf das Wohl des Scherzenden, insofern sie ihm Vergnügen oder Entspannung gewähren. Aber das vollendete Gut des Menschen ist sein letztes Ziel.
Antwort auf Einwand 2: Dasselbe gilt für die spekulative Wissenschaft; welche als das Gut des Wissenschaftlers begehrt wird, eingeschlossen im vollständigen und vollkommenen Gut, welches das letzte Ziel ist.
Antwort auf Einwand 3: Man muss nicht immer an das letzte Ziel denken, wann immer man etwas begehrt oder tut: aber die Kraft der ersten Intention, die in Bezug auf das letzte Ziel war, verbleibt in jedem Begehren, das auf irgendein Objekt gerichtet ist, selbst wenn die Gedanken nicht aktuell auf das letzte Ziel gerichtet sind. So muss man, während man die Straße entlanggeht, nicht bei jedem Schritt an das Ziel denken.