I-II, q. 1 a. 5
Ob ein Mensch mehrere letzte Ziele haben kann?
Quaestio 1 · Vom letzten Ziel des Menschen
Einwand 1: Es scheint möglich zu sein, dass der Wille eines Menschen gleichzeitig auf mehrere Dinge als letzte Ziele gerichtet ist. Denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xix, 1), dass einige den letzten Zweck des Menschen in vier Dingen bestehen ließen, nämlich „in Vergnügen, Ruhe, den Gaben der Natur und Tugend“. Aber diese sind offensichtlich mehr als ein Ding. Also kann ein Mensch das letzte Ziel seines Willens in viele Dinge setzen.
Einwand 2: Ferner schließen Dinge, die nicht im Gegensatz zueinander stehen, einander nicht aus. Nun gibt es viele Dinge, die nicht im Gegensatz zueinander stehen. Also schließt die Annahme, dass ein Ding das letzte Ziel des Willens ist, andere nicht aus.
Einwand 3: Ferner verliert der Wille durch die Tatsache, dass er sein letztes Ziel in ein Ding setzt, nicht seine Freiheit. Aber bevor er sein letztes Ziel in jenes Ding setzte, z. B. Vergnügen, konnte er es in etwas anderes setzen, z. B. Reichtum. Also kann ein Mensch, selbst nachdem er sein letztes Ziel in das Vergnügen gesetzt hat, gleichzeitig sein letztes Ziel in Reichtum setzen. Daher ist es möglich, dass der Wille eines Menschen gleichzeitig auf mehrere Dinge als letzte Ziele gerichtet ist.
Dagegen spricht: Das, worin ein Mensch wie in seinem letzten Ziel ruht, ist Herr seiner Neigungen, da er daraus seine gesamte Lebensregel nimmt. Daher steht über die Schlemmer geschrieben (Phil 3,19): „Ihr Gott ist der Bauch“: nämlich weil sie ihr letztes Ziel in die Vergnügungen des Bauches setzen. Nun kann gemäß Mt 6,24 „Niemand zwei Herren dienen“, solchen nämlich, die nicht aufeinander hingeordnet sind. Also ist es unmöglich, dass ein Mensch mehrere letzte Ziele hat, die nicht aufeinander hingeordnet sind.
Ich antworte darauf: Es ist unmöglich, dass der Wille eines Menschen gleichzeitig auf verschiedene Dinge als letzte Ziele gerichtet ist. Drei Gründe können dafür angeführt werden. Erstens, weil, da alles seine eigene Vollkommenheit begehrt, ein Mensch als seinen letzten Zweck das begehrt, was er als sein vollkommenes und krönendes Gut begehrt. Daher Augustinus (De Civ. Dei xix, 1): „Wenn wir vom Zweck des Guten sprechen, meinen wir nun nicht, dass es vergeht, so dass es nicht mehr ist, sondern dass es vollendet wird, so dass es vollständig ist.“ Es ist daher notwendig, dass das letzte Ziel das Begehren des Menschen so erfüllt, dass nichts außer ihm für den Menschen zu begehren übrig bleibt. Was nicht möglich ist, wenn etwas anderes für seine Vollkommenheit erforderlich wäre. Folglich ist es nicht möglich, dass das Begehren so zu zwei Dingen tendiert, als ob jedes sein vollkommenes Gut wäre.
Der zweite Grund ist, weil, so wie im Prozess des Denkens das Prinzip das ist, was natürlich erkannt wird, so im Prozess des vernünftigen Begehrens, d. h. des Willens, das Prinzip das sein muss, was natürlich begehrt wird. Nun muss dies notwendigerweise eines sein: da die Natur nur zu einem Ding tendiert. Aber das Prinzip im Prozess des vernünftigen Begehrens ist das letzte Ziel. Also ist das, worauf der Wille als auf sein letztes Ziel tendiert, eines.
Der dritte Grund ist, weil, da freiwillige Handlungen ihre Spezies vom Zweck empfangen, wie oben dargelegt (Artikel [3]), sie notwendigerweise ihre Gattung vom letzten Ziel empfangen müssen, welches ihnen allen gemeinsam ist: so wie natürliche Dinge gemäß einer gemeinsamen Form in eine Gattung eingeordnet werden. Da also alle Dinge, die vom Willen begehrt werden können, als solche zu einer Gattung gehören, muss das letzte Ziel notwendigerweise eines sein. Und dies umso mehr, weil es in jeder Gattung ein erstes Prinzip gibt; und das letzte Ziel hat die Natur eines ersten Prinzips, wie oben dargelegt. Nun verhält sich das letzte Ziel des Menschen, einfach als Mensch, zum ganzen Menschengeschlecht so wie das letzte Ziel irgendeines einzelnen Menschen zu diesem Einzelnen. Daher, so wie es für alle Menschen von Natur aus ein letztes Ziel gibt, so muss der Wille eines einzelnen Menschen auf ein letztes Ziel fixiert sein.
Antwort auf Einwand 1: All diese verschiedenen Objekte wurden von jenen, die in ihnen das letzte Ziel setzten, als ein daraus resultierendes vollkommenes Gut betrachtet.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl es möglich ist, mehrere Dinge zu finden, die nicht im Gegensatz zueinander stehen, so ist es doch dem vollkommenen Gut eines Dinges entgegengesetzt, dass irgendetwas außer ihm für die Vollkommenheit dieses Dinges erforderlich ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Macht des Willens erstreckt sich nicht darauf, Gegensätze zur gleichen Zeit existieren zu lassen. Was der Fall wäre, wenn er zu mehreren verschiedenen Objekten als letzten Zielen tendieren würde, wie oben gezeigt wurde (ad 2).