I-II, q. 1 a. 4
Ob es ein letztes Ziel des menschlichen Lebens gibt?
Quaestio 1 · Vom letzten Ziel des Menschen
Einwand 1: Es scheint, dass es kein letztes Ziel des menschlichen Lebens gibt, sondern dass wir ins Unendliche fortschreiten. Denn das Gute ist wesenhaft sich selbst ausbreitend (diffusivum sui), wie Dionysius feststellt (Div. Nom. iv). Folglich, wenn das, was vom Guten ausgeht, selbst gut ist, muss letzteres notwendigerweise ein anderes Gut ausbreiten: so dass die Ausbreitung des Guten unbegrenzt weitergeht. Aber das Gute hat die Natur eines Zweckes. Also gibt es eine unbegrenzte Reihe von Zwecken.
Einwand 2: Ferner können Dinge, die zur Vernunft gehören, ins Unendliche vervielfacht werden: so haben mathematische Größen keine Grenze. Aus demselben Grund sind die Arten der Zahlen unendlich, da die Vernunft bei jeder gegebenen Zahl eine noch größere denken kann. Aber das Begehren des Zweckes folgt auf die Erfassung der Vernunft. Daher scheint es, dass es auch eine unendliche Reihe von Zwecken gibt.
Einwand 3: Ferner ist das Gute und der Zweck das Objekt des Willens. Aber der Wille kann unendlich oft auf sich selbst zurückwirken: denn ich kann etwas wollen, und wollen, es zu wollen, und so weiter ins Unendliche. Also gibt es eine unendliche Reihe von Zwecken des menschlichen Willens, und es gibt kein letztes Ziel des menschlichen Willens.
Dagegen spricht: Der Philosoph sagt (Metaph. ii, 2), dass „anzunehmen, ein Ding sei unbestimmt, heißt zu leugnen, dass es gut ist.“ Aber das Gute ist das, was die Natur eines Zweckes hat. Also ist es der Natur eines Zweckes entgegengesetzt, unbegrenzt fortzuschreiten. Daher ist es notwendig, ein letztes Ziel festzusetzen.
Ich antworte darauf: Absolut gesprochen ist es nicht möglich, in der Angelegenheit der Zwecke von irgendeinem Gesichtspunkt aus ins Unendliche fortzuschreiten. Denn in allen Dingen, in denen es eine wesenhafte Ordnung des einen zum anderen gibt, müssen, wenn das Erste entfernt wird, notwendigerweise auch jene entfernt werden, die auf das Erste hingeordnet sind. Weshalb der Philosoph beweist (Phys. viii, 5), dass wir bei den Bewegungsursachen nicht ins Unendliche fortschreiten können, weil es dann keinen ersten Beweger gäbe, ohne den sich auch die anderen nicht bewegen können, da sie sich nur bewegen, indem sie vom ersten Beweger bewegt werden. Nun ist bei den Zwecken eine zweifache Ordnung zu beachten – die Ordnung der Intention und die Ordnung der Ausführung: und in jeder dieser Ordnungen muss es etwas Erstes geben. Denn das, was in der Ordnung der Intention das Erste ist, ist das Prinzip, das gleichsam das Begehren bewegt; folglich, wenn man dieses Prinzip entfernt, wird es nichts geben, was das Begehren bewegt. Andererseits ist das Prinzip in der Ausführung dasjenige, womit die Operation ihren Anfang nimmt; und wenn dieses Prinzip weggenommen wird, wird niemand anfangen zu arbeiten. Nun ist das Prinzip in der Intention das letzte Ziel; während das Prinzip in der Ausführung das erste der Dinge ist, die auf den Zweck hingeordnet sind. Folglich ist es auf keiner Seite möglich, ins Unendliche zu gehen, da, wenn es kein letztes Ziel gäbe, nichts begehrt würde, noch irgendeine Handlung ihren Abschluss hätte, noch die Intention des Handelnden zur Ruhe käme; während, wenn es kein Erstes unter den Dingen gäbe, die auf den Zweck hingeordnet sind, niemand anfangen würde, an irgendetwas zu arbeiten, und die Beratung hätte kein Ende, sondern würde unbegrenzt andauern.
Andererseits hindert nichts daran, dass Unendlichkeit in Dingen ist, die nicht wesenhaft, sondern akzidentell aufeinander hingeordnet sind; denn akzidentelle Ursachen sind unbestimmt. Und auf diese Weise geschieht es, dass es eine akzidentelle Unendlichkeit von Zwecken und von Dingen gibt, die auf den Zweck hingeordnet sind.
Antwort auf Einwand 1: Die Natur des Guten ist es, dass etwas von ihm ausfließt, aber nicht, dass es von etwas anderem ausfließt. Da daher das Gute die Natur des Zweckes hat und das erste Gut das letzte Ziel ist, beweist dieses Argument nicht, dass es kein letztes Ziel gibt; sondern dass wir vom Zweck, der bereits vorausgesetzt ist, unbegrenzt abwärts zu jenen Dingen fortschreiten können, die auf den Zweck hingeordnet sind. Und dies wäre wahr, wenn wir nur die Macht des Ersten Guten betrachteten, welche unendlich ist. Aber da das Erste Gute sich gemäß dem Intellekt ausbreitet, dem es eigen ist, gemäß einer gewissen festen Form in seine Wirkungen auszufließen, folgt daraus, dass es ein gewisses Maß für den Ausfluss der guten Dinge vom Ersten Guten gibt, von Dem alle anderen Güter die Kraft der Ausbreitung teilen. Folglich schreitet die Ausbreitung der Güter nicht unbegrenzt fort, sondern, wie geschrieben steht (Weish. 11,21), Gott ordnet alle Dinge „nach Maß, Zahl und Gewicht“.
Antwort auf Einwand 2: In Dingen, die aus sich selbst sind, beginnt die Vernunft bei Prinzipien, die natürlich erkannt werden, und schreitet zu irgendeinem Endpunkt fort. Weshalb der Philosoph beweist (Poster. i, 3), dass es keinen unendlichen Prozess in Beweisführungen gibt, weil wir dort einen Prozess von Dingen finden, die eine wesenhafte, nicht eine akzidentelle Verbindung miteinander haben. Aber in jenen Dingen, die akzidentell verbunden sind, hindert nichts die Vernunft daran, unbegrenzt fortzuschreiten. Nun ist es einer festgesetzten Menge oder Zahl als solcher akzidentell, dass Menge oder Einheit zu ihr hinzugefügt wird. Weshalb in derartigen Dingen nichts die Vernunft an einem unbegrenzten Prozess hindert.
Antwort auf Einwand 3: Diese Vervielfachung von Akten des Willens, der auf sich selbst zurückwirkt, ist der Ordnung der Zwecke akzidentell. Dies ist klar aus der Tatsache, dass der Wille in Bezug auf ein und denselben Zweck gleichgültig einmal oder mehrmals auf sich selbst zurückwirkt.