I, q. 85 a. 5
Ob unser Verstand durch Zusammensetzen und Teilen versteht?
Quaestio 85 · Von der Art und Ordnung des Erkennens
Einwand 1: Es scheint, dass unser Verstand nicht durch Zusammensetzen und Teilen versteht. Denn Zusammensetzung und Teilung sind nur von vielem; wohingegen der Verstand nicht vieles zugleich verstehen kann. Daher kann er nicht durch Zusammensetzen und Teilen verstehen.
Einwand 2: Ferner impliziert jede Zusammensetzung und Teilung vergangene, gegenwärtige oder zukünftige Zeit. Aber der Verstand abstrahiert von der Zeit, wie auch von anderen individuellen Bedingungen. Daher versteht der Verstand nicht durch Zusammensetzen und Teilen.
Einwand 3: Ferner versteht der Verstand Dinge durch einen Prozess der Angleichung an sie. Aber Zusammensetzung und Teilung sind nicht in den Dingen, denn nichts ist in den Dingen außer dem, was durch das Prädikat und das Subjekt bezeichnet wird, und was ein und dasselbe ist, vorausgesetzt, dass die Zusammensetzung wahr ist, denn „Mensch“ ist wahrhaftig das, was „Lebewesen“ ist. Daher handelt der Verstand nicht durch Zusammensetzung und Teilung.
Dagegen spricht, Worte bezeichnen die Konzeptionen des Verstandes, wie der Philosoph sagt (Peri Herm. i). Aber in Worten finden wir Zusammensetzung und Teilung, wie in bejahenden und verneinenden Sätzen erscheint. Daher handelt der Verstand durch Zusammensetzung und Teilung.
Ich antworte darauf, Der menschliche Verstand muss notwendigerweise durch Zusammensetzen und Teilen verstehen. Denn da der Verstand von der Potenz zum Akt übergeht, hat er eine Ähnlichkeit mit Dingen, die erzeugt werden, die nicht sofort zur Vollkommenheit gelangen, sondern sie stufenweise erwerben: so erwirbt auch der menschliche Verstand vollkommene Erkenntnis nicht durch den ersten Akt der Auffassung; sondern er erfasst zuerst etwas über seinen Gegenstand, wie dessen Washeit, und dies ist sein erster und eigentlicher Gegenstand; und dann versteht er die Eigenschaften, Akzidenzien und die verschiedenen Beziehungen des Wesens. So vergleicht er notwendigerweise ein Ding mit einem anderen durch Zusammensetzung oder Teilung; und von einer Zusammensetzung und Teilung schreitet er zu einer anderen fort, was der Prozess des Schließens ist.
Aber der engelhafte und der göttliche Verstand haben, wie alle unvergänglichen Dinge, ihre Vollkommenheit sofort von Anfang an. Daher haben der engelhafte und der göttliche Verstand die gesamte Erkenntnis eines Dinges sofort und vollkommen; und daher erkennen sie auch im Erkennen der Washeit eines Dinges sofort alles, was wir durch Zusammensetzung, Teilung und Schließen erkennen können. Daher erkennt der menschliche Verstand durch Zusammensetzung, Teilung und Schließen. Aber der göttliche Verstand und der engelhafte Verstand erkennen zwar Zusammensetzung, Teilung und Schließen, nicht durch den Prozess selbst, sondern durch das Verstehen des einfachen Wesens.
Antwort auf Einwand 1: Zusammensetzung und Teilung des Verstandes geschehen durch Unterscheiden und Vergleichen. Daher erkennt der Verstand vieles durch Zusammensetzung und Teilung, wie durch das Erkennen des Unterschieds und Vergleichs von Dingen.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl der Verstand von den Phantasmen abstrahiert, versteht er aktuell nicht ohne Hinwendung zu den Phantasmen, wie wir gesagt haben (Artikel [1]; Frage [84], Artikel [7]). Und insofern er sich den Phantasmen zuwendet, beinhalten Zusammensetzung und Teilung des Verstandes Zeit.
Antwort auf Einwand 3: Die Ähnlichkeit eines Dinges wird in den Verstand gemäß der Art des Verstandes empfangen, nicht gemäß der Art des Dinges. Weshalb etwas auf Seiten des Dinges der Zusammensetzung und Teilung des Verstandes entspricht; aber es existiert nicht auf dieselbe Weise im Verstand und im Ding. Denn der eigentliche Gegenstand des menschlichen Verstandes ist die Washeit eines materiellen Dinges, das unter die Handlung der Sinne und der Einbildungskraft fällt. Nun gibt es in einem materiellen Ding eine zweifache Zusammensetzung. Erstens gibt es die Zusammensetzung von Form mit Materie; und dieser entspricht jene Zusammensetzung des Verstandes, wodurch das universelle Ganze von seinem Teil ausgesagt wird: denn die Gattung wird von der allgemeinen Materie abgeleitet, während die Differenz, die die Spezies vervollständigt, von der Form abgeleitet wird, und das Besondere von der individuellen Materie. Der zweite Vergleich ist von Akzidens mit Subjekt: und dieser realen Zusammensetzung entspricht jene Zusammensetzung des Verstandes, wodurch Akzidens vom Subjekt ausgesagt wird, wie wenn wir sagen „der Mensch ist weiß“. Dennoch unterscheidet sich die Zusammensetzung des Verstandes von der Zusammensetzung der Dinge; denn in letzterer sind die Dinge verschieden, wohingegen die Zusammensetzung des Verstandes ein Zeichen der Identität der Komponenten ist. Denn die obige Zusammensetzung des Verstandes impliziert nicht, dass „Mensch“ und „Weißheit“ identisch sind, sondern die Aussage „der Mensch ist weiß“ bedeutet, dass „der Mensch etwas ist, das Weißheit hat“: und das Subjekt, das ein Mensch ist, wird mit einem Subjekt identifiziert, das Weißheit hat. Dasselbe gilt für die Zusammensetzung von Form und Materie: denn Lebewesen bezeichnet das, was eine sinnliche Natur hat; vernünftig, das, was eine intellektuelle Natur hat; Mensch, das, was beides hat; und Sokrates das, was all diese Dinge zusammen mit individueller Materie hat; und gemäß dieser Art von Identität sagt unser Verstand die Zusammensetzung eines Dinges mit einem anderen aus.