I, q. 85 a. 4
Ob wir vieles zugleich verstehen können?
Quaestio 85 · Von der Art und Ordnung des Erkennens
Einwand 1: Es scheint, dass wir vieles zugleich verstehen können. Denn der Verstand ist über der Zeit, wohingegen die Abfolge von Vorher und Nachher zur Zeit gehört. Daher versteht der Verstand verschiedene Dinge nicht nacheinander, sondern zugleich.
Einwand 2: Ferner hindert nichts daran, dass verschiedene Formen, die einander nicht entgegengesetzt sind, aktuell im selben Subjekt sind, wie zum Beispiel Farbe und Geruch im Apfel sind. Aber erkennbare Spezies sind einander nicht entgegengesetzt. Daher hindert nichts daran, dass derselbe Verstand im Akt ist hinsichtlich verschiedener erkennbarer Spezies, und so kann er vieles zugleich verstehen.
Einwand 3: Ferner versteht der Verstand ein Ganzes zugleich, wie einen Menschen oder ein Haus. Aber ein Ganzes enthält viele Teile. Daher versteht der Verstand vieles zugleich.
Einwand 4: Ferner können wir den Unterschied zwischen zwei Dingen nicht erkennen, wenn wir nicht beide zugleich erkennen (De Anima iii, 2), und dasselbe ist von jedem anderen Vergleich zu sagen. Aber unser Verstand erkennt den Unterschied und Vergleich zwischen einem Ding und einem anderen. Daher erkennt er vieles zugleich.
Dagegen spricht, Es wird gesagt (Topic. ii, 10), dass „Verstehen nur von einem Ding ist, Wissen von vielem.“
Ich antworte darauf, Der Verstand kann in der Tat vieles als eines verstehen, aber nicht als vieles: das heißt durch „eine“, aber nicht durch „viele“ erkennbare Spezies. Denn die Art jeder Handlung folgt der Form, die das Prinzip dieser Handlung ist. Daher kann der Verstand alles, was er unter einer Spezies verstehen kann, zugleich verstehen: daher kommt es, dass Gott alle Dinge zugleich sieht, weil Er alle in Einem sieht, das heißt in Seinem Wesen. Aber was auch immer der Verstand unter verschiedenen Spezies versteht, versteht er nicht zugleich. Der Grund hierfür ist, dass es unmöglich ist, dass ein und dasselbe Subjekt zugleich durch viele Formen einer Gattung und verschiedener Spezies vervollkommnet wird, so wie es unmöglich ist, dass ein und derselbe Körper zugleich verschiedene Farben oder verschiedene Formen hat. Nun gehören alle erkennbaren Spezies zu einer Gattung, weil sie die Vollkommenheiten einer intellektuellen Kraft sind: obwohl die Dinge, welche die Spezies darstellen, zu verschiedenen Gattungen gehören. Daher ist es unmöglich, dass ein und derselbe Verstand zugleich durch verschiedene erkennbare Spezies vervollkommnet wird, um so aktuell verschiedene Dinge zu verstehen.
Antwort auf Einwand 1: Der Verstand ist über jener Zeit, die das Maß der Bewegung körperlicher Dinge ist. Aber die Vielheit der erkennbaren Spezies selbst verursacht einen gewissen Wechsel der intellektuellen Operationen, insofern eine Operation der anderen folgt. Und dieser Wechsel wird von Augustinus Zeit genannt, der sagt (Gen. ad lit. viii, 20,22), dass „Gott die geistige Kreatur durch die Zeit bewegt.“
Antwort auf Einwand 2: Nicht nur ist es unmöglich, dass entgegengesetzte Formen zugleich im selben Subjekt existieren, sondern auch können keine Formen, die zur selben Gattung gehören, zugleich existieren, auch wenn sie einander nicht entgegengesetzt sind, wie aus den Beispielen von Farben und Formen klar ist.
Antwort auf Einwand 3: Teile können auf zwei Arten verstanden werden. Erstens auf verworrene Weise, als im Ganzen existierend, und so werden sie durch die eine Form des Ganzen erkannt und so zusammen erkannt. Auf eine andere Weise werden sie deutlich erkannt: so wird jeder durch seine Spezies erkannt; und so werden sie nicht zugleich verstanden.
Antwort auf Einwand 4: Wenn der Verstand den Unterschied oder Vergleich zwischen einem Ding und einem anderen sieht, erkennt er beide in Beziehung auf ihren Unterschied oder Vergleich; so wie er, wie wir oben gesagt haben (ad 3), die Teile im Ganzen erkennt.