I, q. 75 a. 4
Ob die Seele der Mensch sei?
Quaestio 75 · Vom Menschen, der aus einer geistigen und einer körperlichen Substanz zusammengesetzt ist: und zuerst von dem, was zum Wesen der Seele gehört.
Einwand 1: Es scheint, dass die Seele der Mensch ist. Denn es steht geschrieben (2 Kor 4,16): „Wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, so wird doch der innere Tag für Tag erneuert.“ Aber das, was im Menschen innen ist, ist die Seele. Also ist die Seele der innere Mensch.
Einwand 2: Ferner ist die menschliche Seele eine Substanz. Aber sie ist keine universale Substanz. Also ist sie eine partikulare Substanz. Daher ist sie eine „Hypostase“ oder eine Person; und sie kann nur eine menschliche Person sein. Also ist die Seele der Mensch; denn eine menschliche Person ist ein Mensch.
Dagegen spricht, dass Augustinus (De Civ. Dei xix, 3) Varro dafür lobt, dass er vertrat, „dass der Mensch nicht bloß Seele, noch bloß Körper ist; sondern sowohl Seele als auch Körper.“
Ich antworte darauf, dass die Behauptung „die Seele ist der Mensch“ in zwei Sinnen genommen werden kann. Erstens, dass der Mensch eine Seele ist; obwohl dieser bestimmte Mensch, Sokrates zum Beispiel, keine Seele ist, sondern aus Seele und Körper zusammengesetzt. Ich sage dies, insofern einige vertraten, dass die Form allein zur Spezies gehöre; während die Materie Teil des Individuums sei und nicht der Spezies. Dies kann nicht wahr sein; denn zur Natur der Spezies gehört, was die Definition bezeichnet; und in natürlichen Dingen bezeichnet die Definition nicht nur die Form, sondern die Form und die Materie. Daher ist in natürlichen Dingen die Materie Teil der Spezies; freilich nicht die bezeichnete Materie, welche das Prinzip der Individualität ist; sondern die gemeinsame Materie. Denn wie es zum Begriff dieses bestimmten Menschen gehört, aus dieser Seele, aus diesem Fleisch und aus diesen Knochen zusammengesetzt zu sein; so gehört es zum Begriff des Menschen, aus Seele, Fleisch und Knochen zusammengesetzt zu sein; denn was auch immer gemeinsam zur Substanz aller Individuen gehört, die unter einer gegebenen Spezies enthalten sind, muss zur Substanz der Spezies gehören.
Es kann auch in diesem Sinne verstanden werden, dass diese Seele dieser Mensch ist; und dies könnte vertreten werden, wenn angenommen würde, dass die Tätigkeit der sinnlichen Seele ihr eigen wäre, getrennt vom Körper; weil in diesem Fall alle Tätigkeiten, die dem Menschen zugeschrieben werden, nur der Seele gehören würden; und was immer die einem Ding eigenen Tätigkeiten ausführt, ist jenes Ding; weshalb das, was die Tätigkeiten eines Menschen ausführt, der Mensch ist. Aber es ist oben gezeigt worden (Artikel 3), dass Empfindung nicht die Tätigkeit der Seele allein ist. Da also Empfindung eine Tätigkeit des Menschen ist, aber ihm nicht allein eigen, ist es klar, dass der Mensch nicht nur eine Seele ist, sondern etwas aus Seele und Körper Zusammengesetztes. Plato konnte, indem er annahm, dass Empfindung der Seele eigen sei, behaupten, der Mensch sei eine Seele, die sich des Körpers bedient.
Antwort auf Einwand 1: Gemäß dem Philosophen (Ethic. ix, 8) scheint ein Ding hauptsächlich das zu sein, was Prinzip in ihm ist; so wird gesagt, dass der Staat tut, was der Lenker eines Staates tut. Auf diese Weise wird manchmal das, was Prinzip im Menschen ist, Mensch genannt; manchmal in der Tat der intellektuelle Teil, welcher in Übereinstimmung mit der Wahrheit der „innere“ Mensch genannt wird; und manchmal wird der sinnliche Teil mit dem Körper Mensch genannt nach der Meinung jener, deren Beobachtung nicht über die Sinne hinausgeht. Und dieser wird der „äußere“ Mensch genannt.
Antwort auf Einwand 2: Nicht jede partikulare Substanz ist eine Hypostase oder eine Person, sondern jene, die die vollständige Natur ihrer Spezies hat. Daher wird eine Hand oder ein Fuß nicht Hypostase oder Person genannt; noch wird gleichermaßen die Seele allein so genannt, da sie ein Teil der menschlichen Spezies ist.