I, q. 75 a. 3
Ob die Seelen der unvernünftigen Tiere für sich bestehend sind?
Quaestio 75 · Vom Menschen, der aus einer geistigen und einer körperlichen Substanz zusammengesetzt ist: und zuerst von dem, was zum Wesen der Seele gehört.
Einwand 1: Es scheint, dass die Seelen der unvernünftigen Tiere für sich bestehend sind. Denn der Mensch ist von derselben „Gattung“ wie andere Tiere; und wie wir gerade gezeigt haben (Artikel 2), ist die Seele des Menschen für sich bestehend. Daher sind die Seelen anderer Tiere für sich bestehend.
Einwand 2: Ferner ist das Verhältnis des sinnlichen Vermögens zu den sinnlichen Objekten wie das Verhältnis des intellektuellen Vermögens zu den intelligiblen Objekten. Aber der Intellekt erfasst, getrennt vom Körper, intelligible Objekte. Daher nimmt das sinnliche Vermögen, getrennt vom Körper, sinnliche Objekte wahr. Da also die Seelen der unvernünftigen Tiere sinnlich sind, folgt, dass sie für sich bestehend sind; so wie die menschliche intellektuelle Seele für sich bestehend ist.
Einwand 3: Ferner bewegt die Seele der unvernünftigen Tiere den Körper. Aber der Körper ist kein Beweger, sondern wird bewegt. Daher hat die Seele der unvernünftigen Tiere eine Tätigkeit getrennt vom Körper.
Dagegen spricht, was im Buch De Eccl. Dogm. xvi, xvii geschrieben steht: „Wir glauben, dass der Mensch allein eine für sich bestehende Seele hat: wohingegen die Seelen der Tiere nicht für sich bestehend sind.“
Ich antworte darauf, dass die alten Philosophen keinen Unterschied zwischen Sinn und Intellekt machten und beides auf ein körperliches Prinzip zurückführten, wie gesagt wurde (Artikel 1). Plato jedoch zog eine Unterscheidung zwischen Intellekt und Sinn; dennoch führte er beides auf ein unkörperliches Prinzip zurück und behauptete, dass das Empfinden ebenso wie das Verstehen der Seele als solcher zukomme. Daraus folgt, dass auch die Seelen der unvernünftigen Tiere für sich bestehend sind. Aber Aristoteles vertrat die Ansicht, dass von den Tätigkeiten der Seele allein das Verstehen ohne ein körperliches Organ vollzogen wird. Andererseits sind die Empfindung und die daraus folgenden Tätigkeiten der sinnlichen Seele offensichtlich von einer Veränderung im Körper begleitet; so wird im Akt des Sehens die Pupille des Auges durch eine Reflexion der Farbe affiziert: und so bei den anderen Sinnen. Daher ist es klar, dass die sinnliche Seele keine eigene Tätigkeit „für sich“ hat und dass jede Tätigkeit der sinnlichen Seele dem Zusammengesetzten (Kompositum) angehört. Weshalb wir schließen, dass, da die Seelen der unvernünftigen Tiere keine Tätigkeiten „für sich“ haben, sie nicht für sich bestehend sind. Denn die Tätigkeit eines Dinges folgt der Weise seines Seins.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl der Mensch von derselben „Gattung“ ist wie andere Tiere, ist er von einer anderen „Spezies“. Der spezifische Unterschied leitet sich vom Unterschied der Form ab; noch impliziert jeder Unterschied der Form notwendigerweise eine Verschiedenheit der „Gattung“.
Antwort auf Einwand 2: Das Verhältnis des sinnlichen Vermögens zum sinnlichen Objekt ist in einer Weise dasselbe wie das des intellektuellen Vermögens zum intelligiblen Objekt, insofern jedes in Potenz zu seinem Objekt ist. Aber in einer anderen Weise unterscheiden sich ihre Verhältnisse, insofern der Eindruck des Objekts auf den Sinn von einer Veränderung im Körper begleitet ist; so dass übermäßige Stärke des Sinnlichen den Sinn verdirbt; eine Sache, die im Falle des Intellekts niemals vorkommt. Denn ein Intellekt, der die höchsten der intelligiblen Objekte versteht, ist danach fähiger, jene zu verstehen, die niedriger sind. Wenn jedoch im Prozess der intellektuellen Tätigkeit der Körper ermüdet, ist dieses Ergebnis akzidentell, insofern der Intellekt die Tätigkeit der sinnlichen Kräfte bei der Erzeugung der Phantasmen benötigt.
Antwort auf Einwand 3: Die bewegende Kraft ist zweierlei Art. Die eine, die begehrende Kraft, befiehlt die Bewegung. Die Tätigkeit dieser Kraft in der sinnlichen Seele ist nicht getrennt vom Körper; denn Zorn, Freude und Leidenschaften ähnlicher Natur sind von einer Veränderung im Körper begleitet. Die andere bewegende Kraft ist jene, die die Bewegung ausführt, indem sie die Glieder anpasst, um dem Begehren zu gehorchen; und der Akt dieser Kraft besteht nicht im Bewegen, sondern im Bewegtwerden. Woraus klar ist, dass Bewegen kein Akt der sinnlichen Seele ohne den Körper ist.