I, q. 58 a. 6
Ob es bei den Engeln eine „Morgen-“ und eine „Abenderkenntnis“ gibt?
Quaestio 58 · Von der Art und Weise der Erkenntnis der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass es weder eine Abend- noch eine Morgenerkenntnis bei den Engeln gibt; weil Abend und Morgen eine Beimischung von Dunkelheit haben. Aber es gibt keine Dunkelheit in der Erkenntnis eines Engels; da es keinen Irrtum noch Falschheit gibt. Daher sollte die engelhafte Erkenntnis nicht als Morgen- und Abenderkenntnis bezeichnet werden.
Einwand 2: Ferner liegt zwischen Abend und Morgen die Nacht; während der Mittag zwischen Morgen und Abend fällt. Folglich, wenn es eine Morgen- und eine Abenderkenntnis bei den Engeln gibt, scheint es aus demselben Grund, dass es eine Mittags- und eine Nachterkenntnis geben sollte.
Einwand 3: Ferner wird die Erkenntnis gemäß dem Unterschied der erkannten Objekte diversifiziert: daher sagt der Philosoph (De Anima iii, text. 38): „Die Wissenschaften werden so eingeteilt wie die Dinge.“ Aber es gibt eine dreifache Existenz der Dinge: nämlich im Wort; in ihren eigenen Naturen; und in der engelhaften Erkenntnis, wie Augustinus bemerkt (Gen. ad lit. ii, 8). Wenn also eine Morgen- und eine Abenderkenntnis bei den Engeln zugelassen wird wegen der Existenz der Dinge im Wort und in ihrer eigenen Natur, dann sollte eine dritte Klasse von Erkenntnis zugelassen werden wegen der Existenz der Dinge im engelhaften Geist.
Dagegen spricht, dass Augustinus (Gen. ad lit. iv, 22,31; De Civ. Dei xii, 7,20) die Erkenntnis der Engel in Morgen- und Abenderkenntnis einteilt.
Ich antworte darauf, dass der Ausdruck „Morgen-“ und „Abenderkenntnis“ von Augustinus ersonnen wurde; der die sechs Tage, in denen Gott alle Dinge machte, nicht als gewöhnliche Tage interpretiert, die durch den Sonnenumlauf gemessen werden, da die Sonne erst am vierten Tag gemacht wurde, sondern als einen Tag, nämlich den Tag der engelhaften Erkenntnis, wie sie auf sechs Klassen von Dingen gerichtet ist. Wie im gewöhnlichen Tag der Morgen der Anfang und der Abend der Schluss des Tages ist, so wird ihre Erkenntnis des ursprünglichen Seins der Dinge Morgenerkenntnis genannt; und dies ist, insofern die Dinge im Wort existieren. Aber ihre Erkenntnis des Seins der erschaffenen Sache selbst, wie es in ihrer eigenen Natur steht, wird Abenderkenntnis genannt; weil das Sein der Dinge vom Wort ausfließt, wie von einem ursprünglichen Prinzip; und dieser Fluss endet in dem Sein, das sie in sich selbst haben.
Zu Einwand 1: Abend- und Morgenerkenntnis in der engelhaften Erkenntnis werden nicht im Vergleich zu einer Beimischung von Dunkelheit genommen, sondern im Vergleich zu Anfang und Ende. Oder man kann sagen, wie Augustinus es ausdrückt (Gen. ad lit. iv, 23), dass nichts uns hindert, etwas Licht im Vergleich zu einer Sache und Dunkelheit in Bezug auf eine andere zu nennen. In gleicher Weise wird das Leben der Gläubigen und der Gerechten Licht genannt im Vergleich zu den Gottlosen, gemäß Eph 5,8: „Ihr wart einst Finsternis; nun aber seid ihr Licht im Herrn“: doch wird eben dieses Leben der Gläubigen, wenn es in Gegensatz zum Leben der Herrlichkeit gesetzt wird, Dunkelheit genannt, gemäß 2 Petr 1,19: „Ihr habt das feste prophetische Wort, auf das zu achten ihr gut daran tut, als auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint.“ So ist die Erkenntnis des Engels, durch die er die Dinge in ihrer eigenen Natur erkennt, Tag im Vergleich zu Unwissenheit oder Irrtum; doch ist sie dunkel im Vergleich zur Schau des Wortes.
Zu Einwand 2: Die Morgen- und Abenderkenntnis gehören zum Tag, das heißt zu den erleuchteten Engeln, die ganz getrennt von der Dunkelheit sind, das heißt von den bösen Geistern. Die guten Engel haften, während sie das Geschöpf erkennen, diesem nicht an, denn das hieße, sich der Dunkelheit und der Nacht zuzuwenden; sondern sie beziehen dies zurück auf das Lob Gottes, in Dem sie, als in ihrem Prinzip, alle Dinge erkennen. Folglich gibt es nach dem „Abend“ keine Nacht, sondern „Morgen“; so dass der Morgen das Ende des vorhergehenden Tages und der Anfang des folgenden ist, insofern die Engel ihre Erkenntnis des vorhergehenden Werkes auf Gottes Lob beziehen. Der Mittag ist unter dem Namen Tag begriffen, als die Mitte zwischen den zwei Extremen. Oder aber der Mittag kann auf ihre Erkenntnis Gottes Selbst bezogen werden, Der weder Anfang noch Ende hat.
Zu Einwand 3: Die Engel selbst sind auch Geschöpfe. Demgemäß ist die Existenz der Dinge in der engelhaften Erkenntnis unter der Abenderkenntnis begriffen, wie auch die Existenz der Dinge in ihrer eigenen Natur.