I, q. 58 a. 4
Ob die Engel durch Zusammensetzen und Trennen erkennen?
Quaestio 58 · Von der Art und Weise der Erkenntnis der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel durch Zusammensetzen und Trennen erkennen. Denn wo es eine Vielheit von verstandenen Dingen gibt, gibt es eine Zusammensetzung derselben, wie in De Anima iii, text. 21 gesagt wird. Aber es gibt eine Menge von verstandenen Dingen im engelhaften Geist; weil Engel verschiedene Dinge durch verschiedene Spezies erfassen und nicht alle zu einer Zeit. Daher gibt es Zusammensetzung und Trennung im Geist des Engels.
Einwand 2: Ferner ist die Verneinung weit entfernter von der Bejahung als irgendwelche zwei entgegengesetzten Naturen; weil die erste der Unterscheidungen die von Bejahung und Verneinung ist. Aber der Engel erkennt gewisse entfernte Naturen nicht durch eine, sondern durch diverse Spezies, wie aus dem Gesagten ersichtlich ist (Artikel [2]). Daher muss er Bejahung und Verneinung durch diverse Spezies erkennen. Und so scheint es, dass er durch Zusammensetzen und Trennen erkennt.
Einwand 3: Ferner ist die Sprache ein Zeichen des Verstandes. Aber wenn sie zu Menschen sprechen, gebrauchen Engel bejahende und verneinende Ausdrücke, die Zeichen von Zusammensetzung und Trennung im Verstand sind; wie aus vielen Stellen der Heiligen Schrift offenbar ist. Daher scheint es, dass der Engel durch Zusammensetzen und Trennen erkennt.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. vii), dass „die intellektuelle Kraft des Engels mit der klaren Einfachheit göttlicher Konzepte hervorleuchtet“. Eine einfache Intelligenz aber ist ohne Zusammensetzung und Trennung. Daher erkennt der Engel ohne Zusammensetzung oder Trennung.
Ich antworte darauf, dass, wie im Verstand, wenn er schlussfolgert, die Konklusion mit dem Prinzip verglichen wird, so im Verstand, der zusammensetzt und trennt, das Prädikat mit dem Subjekt verglichen wird. Denn wenn unser Verstand sogleich die Wahrheit der Konklusion im Prinzip sähe, würde er niemals durch Diskurs und Schlussfolgerung erkennen. In gleicher Weise, wenn der Verstand beim Erfassen der Quiddität des Subjekts sogleich Erkenntnis von allem hätte, was dem Subjekt zugeschrieben oder von ihm entfernt werden kann, würde er niemals durch Zusammensetzen und Trennen erkennen, sondern nur durch das Verstehen der Essenz. So ist es offensichtlich, dass unser Verstand aus demselben Grund durch Diskurs und durch Zusammensetzen und Trennen erkennt, nämlich dass er in der ersten Erfassung von etwas neu Erfasstem nicht sogleich alles ergreift, was virtuell darin enthalten ist. Und dies kommt von der Schwäche des intellektuellen Lichts in uns, wie gesagt wurde (Artikel [3]). Da also das intellektuelle Licht im Engel vollkommen ist, denn er ist ein reiner und klarster Spiegel, wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv), folgt daraus, dass, wie der Engel nicht durch Schlussfolgern erkennt, er ebenso wenig durch Zusammensetzen und Trennen erkennt.
Dennoch versteht er die Zusammensetzung und die Trennung von Aussagen, so wie er das Schließen von Syllogismen erfasst: denn er erkennt auf einfache Weise solche Dinge, die zusammengesetzt sind, bewegliche Dinge unbeweglich und materielle Dinge immateriell.
Zu Einwand 1: Nicht jede Menge von verstandenen Dingen verursacht Zusammensetzung, sondern eine Menge solcher verstandenen Dinge, dass eines von ihnen einem anderen zugeschrieben oder von ihm verneint wird. Wenn ein Engel die Natur von irgendetwas erfasst, versteht er zur gleichen Zeit alles, was ihr entweder zugeschrieben oder von ihr verneint werden kann. Daher ergreift er beim Erfassen einer Natur durch eine einfache Wahrnehmung alles, was wir durch Zusammensetzen und Trennen lernen können.
Zu Einwand 2: Die verschiedenen Naturen der Dinge unterscheiden sich weniger hinsichtlich ihrer Seinsweise als Bejahung und Verneinung. Doch hinsichtlich der Art und Weise, wie sie erkannt werden, haben Bejahung und Verneinung mehr gemeinsam; denn sobald die Wahrheit einer Bejahung erkannt ist, ist auch die Falschheit der entgegengesetzten Verneinung bekannt.
Zu Einwand 3: Die Tatsache, dass Engel bejahende und verneinende Redeformen gebrauchen, zeigt, dass sie sowohl Zusammensetzung als auch Trennung kennen: doch nicht, dass sie durch Zusammensetzen und Trennen erkennen, sondern indem sie auf einfache Weise die Natur einer Sache erkennen.