I, q. 58 a. 1
Ob der Verstand des Engels manchmal in Potenz, manchmal im Akt ist?
Quaestio 58 · Von der Art und Weise der Erkenntnis der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass der Verstand des Engels manchmal in Potenz und manchmal im Akt ist. Denn Bewegung ist der Akt dessen, was in Potenz ist, wie in Phys. iii, 6 dargelegt wird. Die Geister der Engel aber werden durch das Erkennen bewegt, wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv). Daher sind die engelhaften Geister manchmal in Potenz.
Einwand 2: Ferner ist das Begehren auf eine Sache gerichtet, die man nicht besitzt, die man aber haben kann; wer also begehrt, etwas zu wissen, ist in Bezug darauf in Potenz. Nun heißt es aber (1 Petr 1,12): „Auf Ihn begehren die Engel zu schauen.“ Daher ist der Verstand des Engels manchmal in Potenz.
Einwand 3: Ferner wird im Buch De Causis festgestellt, dass „eine Intelligenz gemäß der Weise ihrer Substanz erkennt“. Die Intelligenz des Engels aber hat eine gewisse Beimischung von Potenz. Daher erkennt sie manchmal potenziell.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Gen. ad lit. ii): „Seit die Engel erschaffen wurden, genießen sie in der Ewigkeit des Wortes heilige und fromme Beschauung.“ Ein beschauender Verstand aber ist nicht in Potenz, sondern im Akt. Daher ist der Verstand eines Engels nicht in Potenz.
Ich antworte darauf, dass, wie der Philosoph feststellt (De Anima iii, text. 8; Phys. viii, 32), der Verstand auf zweifache Weise in Potenz ist: erstens, „wie vor dem Lernen oder Entdecken“, das heißt, bevor er den Habitus des Wissens hat; zweitens, wie „wenn er den Habitus des Wissens besitzt, aber nicht aktuell betrachtet“. Auf die erste Weise ist der Verstand eines Engels niemals in Potenz in Bezug auf die Dinge, auf die sich seine natürliche Erkenntnis erstreckt. Denn wie die höheren, nämlich die himmlischen Körper keine Potenz zum Sein haben, die nicht vollends aktualisiert ist, so haben die himmlischen Intellekte, die Engel, keine intelligible Potenz, die nicht durch konnaturale intelligible Spezies vollends vervollkommnet ist. In Bezug auf Dinge jedoch, die ihnen göttlich offenbart werden, hindert sie nichts daran, in Potenz zu sein: denn auch die Himmelskörper sind zuweilen in Potenz, von der Sonne erleuchtet zu werden.
Auf die zweite Weise kann der Verstand eines Engels in Potenz sein in Bezug auf Dinge, die durch natürliche Erkenntnis gelernt werden; denn er betrachtet nicht immer aktuell alles, was er durch natürliche Erkenntnis weiß. Was aber die Erkenntnis des Wortes betrifft und der Dinge, die er im Wort schaut, so ist er auf diese Weise niemals in Potenz; denn er schaut immer aktuell das Wort und die Dinge, die er im Wort sieht. Denn die Glückseligkeit der Engel besteht in einer solchen Schau; und die Glückseligkeit besteht nicht im Habitus, sondern im Akt, wie der Philosoph sagt (Ethic. i, 8).
Zu Einwand 1: Bewegung wird dort nicht als der Akt von etwas Unvollkommenem genommen, das heißt von etwas, das in Potenz existiert, sondern als der Akt von etwas Vollkommenem, das heißt von etwas aktuell Existierendem. Auf diese Weise werden Erkennen und Empfinden als Bewegungen bezeichnet, wie in De Anima iii, text. 28 dargelegt ist.
Zu Einwand 2: Ein solches Begehren seitens der Engel schließt nicht das begehrte Objekt aus, sondern den Überdruss an demselben. Oder man sagt, sie begehren die Schau Gottes in Bezug auf neue Offenbarungen, die sie von Gott empfangen, um sie für die Aufgaben zu rüsten, die sie zu erfüllen haben.
Zu Einwand 3: In der Substanz des Engels gibt es keine Potenz, die des Aktes entkleidet wäre. Ebenso ist der Verstand des Engels niemals so in Potenz, dass er ohne Akt wäre.