I, q. 58 a. 3
Ob die Erkenntnis des Engels diskursiv ist?
Quaestio 58 · Von der Art und Weise der Erkenntnis der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass die Erkenntnis eines Engels diskursiv ist. Denn die diskursive Bewegung des Geistes rührt daher, dass eine Sache durch eine andere erkannt wird. Die Engel aber erkennen eine Sache durch eine andere; denn sie erkennen die Geschöpfe durch das Wort. Daher erkennt der Verstand eines Engels auf diskursive Weise.
Einwand 2: Ferner, was immer eine niedere Kraft tun kann, kann die höhere tun. Der menschliche Verstand aber kann Syllogismen bilden und Ursachen in Wirkungen erkennen; all dies ist die diskursive Methode. Daher kann der Verstand des Engels, der in der Ordnung der Natur höher steht, dies mit größerem Recht tun.
Einwand 3: Ferner sagt Isidor (De sum. bono i, 10), dass „Dämonen mehr Dinge durch Erfahrung lernen“. Erfahrungswissen aber ist diskursiv: denn „eine Erfahrung entsteht aus vielen Erinnerungen, und ein Universale aus vielen Erfahrungen“, wie Aristoteles bemerkt (Poster. ii; Metaph. vii). Daher ist die Erkenntnis eines Engels diskursiv.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. vii), dass die „Engel die göttliche Erkenntnis nicht aus getrennten Diskursen erwerben, noch von etwas Gemeinsamen zu etwas Besonderem geführt werden“.
Ich antworte darauf, dass, wie oft gesagt wurde (Artikel [1]; Frage [55], Artikel [1]), die Engel jenen Rang unter den geistigen Substanzen einnehmen, den die Himmelskörper unter den körperlichen Substanzen einnehmen: denn Dionysius nennt sie „himmlische Geister“ (Artikel [1]; Frage [55], Artikel [1]). Nun ist der Unterschied zwischen himmlischen und irdischen Körpern dieser, dass irdische Körper ihre letzte Vollkommenheit durch Zufall und Bewegung erlangen: während die Himmelskörper ihre letzte Vollkommenheit sogleich von ihrer Natur her haben. So erlangen gleichermaßen die niederen, nämlich die menschlichen Intellekte ihre Vollkommenheit in der Erkenntnis der Wahrheit durch eine Art Bewegung und diskursive intellektuelle Operation; das heißt, indem sie von einer bekannten Sache zu einer anderen fortschreiten. Wenn sie aber aus der Erkenntnis eines bekannten Prinzips sogleich alle daraus folgenden Schlussfolgerungen als bekannt wahrnehmen würden, dann gäbe es überhaupt keinen diskursiven Prozess. Dies ist der Zustand der Engel, weil sie in den Wahrheiten, die sie natürlich erkennen, sogleich alle Dinge schauen, die in ihnen erkannt werden können.
Daher werden sie „intellektuelle Wesen“ genannt: weil auch bei uns die Dinge, die augenblicklich vom Geist erfasst werden, als verstanden [intelligi] bezeichnet werden; daher wird „Intellekt“ als der Habitus der ersten Prinzipien definiert. Menschliche Seelen aber, die die Erkenntnis der Wahrheit durch die diskursive Methode erwerben, werden „rational“ genannt; und dies kommt von der Schwäche ihres intellektuellen Lichts. Denn wenn sie die Fülle des intellektuellen Lichts besäßen, wie die Engel, dann würden sie im ersten Anblick der Prinzipien sogleich deren ganzen Umfang erfassen, indem sie wahrnehmen, was immer aus ihnen gefolgert werden könnte.
Zu Einwand 1: Diskurs drückt eine Art von Bewegung aus. Nun ist alle Bewegung von etwas Vorherigem zu etwas Nachherigem. Daher kommt diskursive Erkenntnis zustande, insofern man von etwas zuvor Bekanntem zur Erkenntnis dessen gelangt, was danach bekannt wird und was zuvor unbekannt war. Wenn aber in der wahrgenommenen Sache etwas anderes zur gleichen Zeit gesehen wird, wie ein Objekt und sein Bild gleichzeitig in einem Spiegel gesehen werden, ist es keine diskursive Erkenntnis. Und auf diese Weise erkennen die Engel die Dinge im Wort.
Zu Einwand 2: Die Engel können Syllogismen bilden, im Sinne des Kennens eines Syllogismus; und sie sehen Wirkungen in Ursachen und Ursachen in Wirkungen: doch erwerben sie auf diese Weise keine Erkenntnis einer unbekannten Wahrheit, indem sie von Ursachen auf Wirkungen oder von Wirkungen auf Ursachen schließen.
Zu Einwand 3: Erfahrung wird von Engeln und Dämonen einfach im Wege der Ähnlichkeit ausgesagt, insofern sie sinnliche Dinge erkennen, die gegenwärtig sind, jedoch ohne irgendeinen Diskurs dabei.