I, q. 58 a. 2
Ob ein Engel vieles zugleich erkennen kann?
Quaestio 58 · Von der Art und Weise der Erkenntnis der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass ein Engel nicht vieles zugleich erkennen kann. Denn der Philosoph sagt (Topic. ii, 4), dass „es geschehen kann, dass wir vieles wissen, aber nur eines verstehen“.
Einwand 2: Ferner wird nichts erkannt, wenn nicht der Verstand durch eine intelligible Spezies geformt wird; so wie der Körper durch eine Gestalt geformt wird. Ein Körper aber kann nicht zu vielen Gestalten geformt werden. Daher kann auch ein Verstand nicht gleichzeitig verschiedene intelligible Dinge erkennen.
Einwand 3: Ferner ist das Erkennen eine Art Bewegung. Aber keine Bewegung endet in verschiedenen Termini. Daher kann vieles nicht insgesamt erkannt werden.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Gen. ad lit. iv, 32): „Das geistige Vermögen des engelhaften Geistes erfasst auf das Leichteste zugleich alles, was es will.“
Ich antworte darauf, dass, wie die Einheit des Terminus für die Einheit der Bewegung erforderlich ist, so die Einheit des Objekts für die Einheit der Operation erforderlich ist. Nun geschieht es, dass mehrere Dinge als mehrere oder als eines genommen werden können; wie die Teile eines kontinuierlichen Ganzen. Denn wenn jeder der Teile einzeln betrachtet wird, sind sie viele: folglich werden sie weder durch den Sinn noch durch den Verstand durch eine einzige Operation erfasst, noch alle auf einmal. Auf eine andere Weise werden sie als ein Ganzes bildend genommen; und so werden sie sowohl durch den Sinn als auch durch den Verstand alle auf einmal und durch eine Operation erfasst, solange das gesamte kontinuierliche Ganze betrachtet wird, wie in De Anima iii, text. 23 dargelegt ist. Auf diese Weise erkennt unser Verstand zugleich sowohl das Subjekt als auch das Prädikat als Teile eines Satzes bildend; und auch zwei Dinge, die miteinander verglichen werden, insofern sie in einem Vergleichspunkt übereinstimmen. Daraus ist ersichtlich, dass viele Dinge, insofern sie unterschieden sind, nicht auf einmal erkannt werden können; insofern sie aber unter einem intelligiblen Begriff zusammengefasst sind, können sie zusammen erkannt werden. Nun ist alles aktuell erkennbar, insofern sein Bild im Verstand ist. Alle Dinge also, die durch eine intelligible Spezies erkannt werden können, werden als ein intelligibles Objekt erkannt und daher gleichzeitig verstanden. Dinge aber, die durch verschiedene intelligible Spezies erkannt werden, werden als verschiedene intelligible Objekte aufgefasst.
Folglich erkennen die Engel durch jene Erkenntnis, die sie von den Dingen durch das Wort haben, alle Dinge unter einer intelligiblen Spezies, welche die göttliche Essenz ist. Daher erkennen sie in Bezug auf eine solche Erkenntnis alle Dinge auf einmal: so wie im Himmel „unsere Gedanken nicht flüchtig sein werden, von einem zum anderen gehend und zurückkehrend, sondern wir werden all unser Wissen zugleich mit einem Blick überschauen“, wie Augustinus sagt (De Trin. xv, 16). Durch jene Erkenntnis aber, mit der die Engel die Dinge durch ihnen eingepflanzte Spezies erkennen, können sie zu einer Zeit alle Dinge erkennen, die unter einer Spezies zusammengefasst werden können; nicht aber solche, die unter verschiedenen Spezies sind.
Zu Einwand 1: Vieles als eines zu erkennen, heißt sozusagen, eines zu erkennen.
Zu Einwand 2: Der Verstand wird durch die intelligible Spezies geformt, die er in sich hat. So kann er gleichzeitig viele intelligible Objekte unter einer Spezies schauen; wie ein Körper durch eine Gestalt vielen Körpern angeglichen werden kann.
Auf den dritten Einwand ist die Antwort dieselbe wie auf den ersten.