I, q. 58 a. 7
Ob die Morgen- und die Abenderkenntnis eins sind?
Quaestio 58 · Von der Art und Weise der Erkenntnis der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass die Morgen- und die Abenderkenntnis eins sind. Denn es heißt (Gen 1,5): „Es wurde Abend und Morgen, ein Tag.“ Aber unter dem Ausdruck „Tag“ ist die Erkenntnis der Engel zu verstehen, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. iv, 23). Daher sind die Morgen- und Abenderkenntnis der Engel ein und dasselbe.
Einwand 2: Ferner ist es unmöglich, dass ein Vermögen zwei Operationen zur gleichen Zeit hat. Aber die Engel gebrauchen immer ihre Morgenerkenntnis; weil sie immer Gott und die Dinge in Gott schauen, gemäß Mt 18,10. Wenn daher die Abenderkenntnis von der Morgenerkenntnis verschieden wäre, könnte der Engel niemals seine Abenderkenntnis ausüben.
Einwand 3: Ferner sagt der Apostel (1 Kor 13,10): „Wenn das Vollkommene kommt, wird das Stückwerk weggetan werden.“ Aber wenn die Abenderkenntnis von der Morgenerkenntnis verschieden ist, wird sie mit ihr verglichen wie das weniger Vollkommene mit dem Vollkommenen. Daher kann die Abenderkenntnis nicht zusammen mit der Morgenerkenntnis existieren.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Gen. ad lit. iv, 24): „Es ist ein großer Unterschied, etwas zu erkennen, wie es im Wort Gottes ist, und wie es in seiner eigenen Natur ist; so dass ersteres zum Tag gehört und letzteres zum Abend.“
Ich antworte darauf, dass, wie bemerkt wurde (Artikel [6]), die Abenderkenntnis jene ist, durch welche die Engel die Dinge in ihrer eigenen Natur erkennen. Dies kann nicht so verstanden werden, als ob sie ihre Erkenntnis aus der eigenen Natur der Dinge zögen, so dass die Präposition „in“ die Form eines Prinzips bezeichnet; weil, wie bereits dargelegt wurde (Frage [55], Artikel [2]), die Engel ihre Erkenntnis nicht aus den Dingen ziehen. Es folgt also, dass wir, wenn wir sagen „in ihrer eigenen Natur“, uns auf den Aspekt der erkannten Sache beziehen, insofern sie ein Gegenstand der Erkenntnis ist; das heißt, dass die Abenderkenntnis in den Engeln ist, insofern sie das Sein der Dinge erkennen, das jene Dinge in ihrer eigenen Natur haben.
Nun erkennen sie dies durch ein zweifaches Medium, nämlich durch eingepflanzte Ideen oder durch die Formen der Dinge, die im Wort existieren. Denn indem sie das Wort schauen, erkennen sie nicht bloß das Sein der Dinge, wie es im Wort existiert, sondern das Sein, wie es von den Dingen selbst besessen wird; wie Gott, indem Er Sich selbst betrachtet, jenes Sein sieht, das die Dinge in ihrer eigenen Natur haben. Wenn es daher Abenderkenntnis genannt wird, insofern die Engel, wenn sie das Wort schauen, das Sein erkennen, das die Dinge in ihrer eigenen Natur haben, dann sind die Morgen- und die Abenderkenntnis wesenhaft ein und dasselbe und unterscheiden sich nur hinsichtlich der erkannten Dinge. Wenn es Abenderkenntnis genannt wird, insofern sie durch eingepflanzte Ideen das Sein erkennen, das die Dinge in ihren eigenen Naturen haben, dann unterscheiden sich die Morgen- und die Abenderkenntnis. So scheint Augustinus es zu verstehen, wenn er die eine als der anderen unterlegen zuordnet.
Zu Einwand 1: Die sechs Tage, wie Augustinus sie versteht, werden als die sechs Klassen der von den Engeln erkannten Dinge genommen; so dass die Einheit des Tages gemäß der Einheit der verstandenen Sache genommen wird; welche nichtsdestoweniger durch verschiedene Weisen des Erkennens erfasst werden kann.
Zu Einwand 2: Es kann zwei Operationen desselben Vermögens zur gleichen Zeit geben, von denen eine auf die andere bezogen ist; wie ersichtlich ist, wenn der Wille zur gleichen Zeit das Ziel und die Mittel zum Ziel will; und der Verstand im selben Augenblick Prinzipien und Schlussfolgerungen durch jene Prinzipien wahrnimmt, wenn er bereits Wissen erworben hat. Wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. iv, 24), wird die Abenderkenntnis auf die Morgenerkenntnis in den Engeln bezogen; daher hindert nichts daran, dass beide zur gleichen Zeit in den Engeln sind.
Zu Einwand 3: Beim Kommen dessen, was vollkommen ist, wird das entgegengesetzte Unvollkommene weggetan: so wie der Glaube, der von den Dingen ist, die man nicht sieht, hinfällig wird, wenn die Schau nachfolgt. Aber die Unvollkommenheit der Abenderkenntnis ist nicht der Vollkommenheit der Morgenerkenntnis entgegengesetzt. Denn dass eine Sache in sich selbst erkannt wird, ist nicht entgegengesetzt dazu, dass sie in ihrer Ursache erkannt wird. Noch ist es ferner irgendeine Ungereimtheit, eine Sache durch zwei Medien zu erkennen, von denen eines vollkommener und das andere weniger vollkommen ist; so wie wir ein demonstratives und ein wahrscheinliches Medium haben können, um dieselbe Schlussfolgerung zu erreichen. In gleicher Weise kann eine Sache vom Engel durch das unerschaffene Wort und durch eine eingepflanzte Idee erkannt werden.