I, q. 16 a. 4
Ob das Gute dem Begriff nach früher ist als das Wahre?
Quaestio 16 · Von der Wahrheit
Einwand 1: Es scheint, dass das Gute dem Begriff nach früher ist als das Wahre. Denn was allgemeiner ist, ist dem Begriff nach früher, wie aus Phys. i ersichtlich ist. Aber das Gute ist allgemeiner als das Wahre, da das Wahre eine Art von Gutem ist, nämlich des Intellekts. Daher ist das Gute dem Begriff nach früher als das Wahre.
Einwand 2: Ferner ist das Gute in den Dingen, das Wahre aber im zusammensetzenden und trennenden Intellekt, wie oben gesagt (Artikel [2]). Aber das, was in den Dingen ist, ist früher als das, was im Intellekt ist. Daher ist das Gute dem Begriff nach früher als das Wahre.
Einwand 3: Ferner ist die Wahrheit eine Art von Tugend, wie aus Ethic. iv klar ist. Aber die Tugend ist unter dem Guten enthalten; da sie, wie Augustinus sagt (De Lib. Arbit. ii, 19), eine gute Qualität des Geistes ist. Daher ist das Gute früher als das Wahre.
Dagegen spricht: Was in mehr Dingen ist, ist dem Begriff nach früher. Aber das Wahre ist in einigen Dingen, worin das Gute nicht ist, wie zum Beispiel in der Mathematik. Daher ist das Wahre früher als das Gute.
Ich antworte darauf, dass, obwohl das Gute und das Wahre mit dem Seienden hinsichtlich des Suppositums austauschbar sind, sie sich doch dem Begriff nach unterscheiden. Und auf diese Weise ist das Wahre, absolut gesprochen, früher als das Gute, wie aus zwei Gründen hervorgeht. Erstens, weil das Wahre enger auf das Seiende bezogen ist als das Gute. Denn das Wahre betrachtet das Seiende selbst einfach und unmittelbar; während die Natur des Guten dem Seienden folgt, insofern das Seiende in irgendeiner Weise vollkommen ist; denn so ist es begehrenswert. Zweitens ist es offensichtlich aus der Tatsache, dass die Erkenntnis von Natur aus dem Streben vorausgeht. Da also das Wahre die Erkenntnis betrifft, das Gute aber das Streben, muss das Wahre der Idee nach früher sein als das Gute.
Antwort auf Einwand 1: Der Wille und der Intellekt schließen einander gegenseitig ein: denn der Intellekt versteht den Willen, und der Wille will, dass der Intellekt versteht. So sind also unter den Dingen, die auf das Objekt des Willens gerichtet sind, auch jene enthalten, die zum Intellekt gehören; und umgekehrt. Daher steht in der Ordnung der begehrenswerten Dinge das Gute als das Allgemeine und das Wahre als das Besondere; wohingegen in der Ordnung der intelligiblen Dinge der Fall umgekehrt ist. Aus der Tatsache also, dass das Wahre eine Art von Gutem ist, folgt, dass das Gute in der Ordnung der begehrenswerten Dinge früher ist; aber nicht, dass es absolut früher ist.
Antwort auf Einwand 2: Ein Ding ist dem Begriff nach früher, insofern es für den Intellekt früher ist. Nun erfasst der Intellekt primär das Seiende selbst; zweitens erfasst er, dass er das Seiende versteht; und drittens erfasst er, dass er das Seiende begehrt. Daher ist die Idee des Seienden die erste, die der Wahrheit die zweite und die Idee des Guten die dritte, obwohl das Gute in den Dingen ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Tugend, die „Wahrheit“ genannt wird, ist nicht die Wahrheit im Allgemeinen, sondern eine gewisse Art von Wahrheit, gemäß derer der Mensch sich in Tat und Wort so zeigt, wie er wirklich ist. Aber Wahrheit in Anwendung auf das „Leben“ wird in einem besonderen Sinne gebraucht, insofern ein Mensch in seinem Leben das erfüllt, wozu er durch den göttlichen Intellekt bestimmt ist, wie gesagt wurde, dass Wahrheit in anderen Dingen existiert (Artikel [1]). Wohingegen die Wahrheit der „Gerechtigkeit“ im Menschen gefunden wird, wenn er seine Pflicht gegenüber seinem Nächsten erfüllt, wie durch das Gesetz angeordnet. Daher können wir von diesen besonderen Wahrheiten nicht auf die Wahrheit im Allgemeinen schließen.